Aufsatz 
Ehre und Duell / Friedrich Schödler
Entstehung
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zu erringen ſo haben wir es nicht mehr mit der wohlberechtigten Ehrliebe, ſondern mit dem unlauteren, gemeingefährlichen Ehrgeiz zu thun. Derſelbe kann ſich in der Ehrſucht zu einer Leidenſchaft ſteigern, wo die Mittel, Ehre zu gewinnen, ſelbſt nicht mehr ehrenhaft ſind. Da iſt denn nicht mehr ein Genius unſer Führer auf lichtvollem Pfade, ſondern ein Dämon iſt es, der Abgründe verdeckt auf dem Wege zum glänzenden Ziele.

Die großen Männer der Geſchichte, ſagt Napoleon IJ.,ſind dies geworden, indem ſie mehr dem Ehrgeiz folgten, als dem Gewiſſen.

Jedes geſunde Erziehungsweſen wird den Sporn des Ehrgeizes zurückweiſen, zu wie großen Erfolgen derſelbe auch anzuſtacheln vermag.

Das wahre Ehrgefühl und die rechte Ehrliebe finden ſich zu allen Zeiten, bei allen Völkern, bei allen Klaſſen; ſie ſind ein Gemeingut aller gedeihlichen geſellſchaftlichen Vereinigungen. Mit ihrer Abnahme ſinkt allerwärts das Gemeinwohl. Ihre Pflege, ihre Schonung, ihre Anregung iſt Pflicht des Erziehers und die Aufgabe der öffentlichen Verwaltung. Und ſo erſcheint uns die wahre und echte Ehre als ein mächtiger Hebel zu allem Guten und Großen im Leben des Einzelnen und eines ganzen Volkes.

Aber es gibt auch eine falſche Ehre, eine unechte, ein Zerrbild der Ehre. Wenn jene Allen zum Heil gereicht, ſo iſt mit dieſer das Unheil verknüpft und wir kommen bei ihrer Betrach⸗ tung zurück zu der Ehrenſorte, die uns entgegengehalten wird, wenn wir nach den Urſachen fragen, welche in der Regel Anlaß geben zum Duell.

Dieſelbe unterſcheidet ſich von der wahren Ehre in Folgendem:

Zunächſt fällt es auf, daß dieſe Duellantenehre nicht nur den hochgebildeten Völkern des Alter⸗ thums unbekannt war, ſondern daß noch heutzutage alle außereuropäiſchen Nationen nichts von ihr wiſſen, ja daß ſelbſt bei den Völkern, wo ſie vorkommt, nur ein geringer Bruchtheil derſelben, die höheren Stände und unter dieſen wieder vorzugsweiſe der Militärſtand und das Studentenweſen an einem krankhaften Ehrgefühl leiden.

Dieſe falſche Ehre beruht nicht, wie die echte, in dem, was Einer iſt und in der guten Meinung, die Andere von ihm haben, ſondern lediglich darin, was Einer ſich gefallen läßt, das gegen ihn geäußert oder gethan wird. Schopenhauer) trifft in ſeiner Ausführung dieſes Gegenſtandes den Nagel der Art auf den Kopf, daß es am dienlichſten iſt, ſeine eignen Worte hierher zu ſetzen.

Es giebt noch eine von jener allgemein gültigen gänzlich verſchiedene Gattung der Ehre, von welcher weder Griechen noch Römer einen Begriff hatten, ſowenig wie Chineſen, Hindu und Moha⸗

medaner bis auf den heutigen Tag irgend etwas von ihr wiſſen. Denn ſie iſt erſt im Mittelalter

entſtanden und bloß im chriſtlichen Europa einheimiſch geworden, ja ſelbſt hier nur unter einer kleinen Fraktion der Bevölkerung, nämlich unter den höheren Ständen der Geſellſchaft und was ihnen nacheifert. Es iſt die ritterliche Ehre oder das point d'honneur. Da ihre Grundſätze von denen der bisher erörterten Ehre gänzlich verſchieden, ſogar dieſen zum Theil entgegengeſetzt ſind, indem jene erſtern den Ehrenmann, dieſe hingegen den Mann von Ehre machkt, ſo will ich ihre Principien hier beſonders aufſtellen, als einen Kodex oder Spiegel der ritterlichen Ehre.

1) Die Ehre beſteht nicht in der Meinung Anderer von unſerem Werth, ſondern ganz allein in den Aeußerungen einer ſolchen Meinung, gleichviel ob die geäußerte Meinung wirklich vor⸗ handen ſei oder nicht, geſchweige ob ſie Grund habe. Demnach mögen Andere, in Folge unſeres Lebenswandels, eine noch ſo ſchlechte Meinung von uns hegen, uns noch ſo ſehr verachten; ſo lange nur Keiner ſich unterſteht, ſolches laut zu äußern, ſchadet es der Ehre durchaus nicht. Umgekehrt

*) Bd. 5, S. 391.