Aufsatz 
Ehre und Duell / Friedrich Schödler
Entstehung
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Die Herausbildung dieſes Ehrbegriffs, dem ſich als verwandte Begriffe anreihen, was man den guten Ruf und den guten Namen zu nennen pflegt, entſpringt aus einem tief empfundenen Ab⸗ hängigkeitsgefühl der Menſchen von einander, wonach alle Glieder eines Gemeinweſens das Vertrauen hegen, ein Jeder werde vorkommenden Falles den zum Gemeinwohl erforderlichen Verpflichtungen nachkommen. Dieſe allgemein vorausgeſetzte Ehre gleicht einem Wechſel, den Jeder auf den Andern zu ziehen ſich berechtigt hält und den er ſeinerſeits einzulöſen bereit iſt.

Die wichtigſten Erforderniſſe für das Zuſammenleben der Geſellſchaft beruhen in der Treue, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Hülfsbereitſchaft ihrer Glieder. Daher wird von dem ehrenhaften Manne vorausgeſetzt, daß er ſein Wort halte, nicht lüge, keines Andern Recht kränke und dem Bedrängten in Noth und Gefahr Beiſtand leiſte. Eine alſo innerlich begründete und äußerlich anerkannte Ehre iſt zugleich die wahre Ehre, die mit Recht als ein höchſt werthvolles Attribut der Geſellſchaft gilt und daher auch deren Schutz genießt. Sie kann allerdings angegriffen und verletzt werden durch öffentlich ausgeſprochene Zweifel oder Abſprechung ihres Vorhandenſeins. Allein es genügt die Erbringung des Beweiſes der Unwahrheit derartiger Behauptungen, die ſich dann als Verleumdung erweiſen, um die Ehre herzuſtellen. Der Verleumder oder Ehrabſchneider erleidet dann ſelbſt Einbuße an Ehre und verfällt der Strafe des Geſetzes.

Ihrer Natur gemäß kann die wahre Ehre lediglich durch das eigene Verſchulden verloren wer⸗ den. Wer einer Unwahrheit oder eines Wortbruchs überführt worden iſt, hat den Anſpruch verloren, für einen Ehrenmann zu gelten.Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht!

Man bezeichnet dieſe Ehre wohl auch als die bürgerliche Ehre, grade weil die bürgerliche Geſellſchaft ohne ſie nicht beſtehen kann. Selbſt die höchſten, an deren Spitze geſtellten Perſonen müſſen alles vermeiden, was ihre bürgerliche Ehre beeinträchtigt.

Wer hierin etwas verſäumt, dem kann Aehnliches begegnen wie dem Bürger⸗König Ludwig Philipp, als er eine politiſch mißfällige Aeußerung dem Deputirten Dupin zu unterſchieben verſuchte, worauf dieſer öffentlich in der Kammer erklärte:Wenn hier ein Zweifel waltet, wo die Wahrheit liegt, ſo wird Frankreich nicht ſagen, daß Dupin gelogen hat.

Weil nun die wahre Ehre als ein allgemein zu ſchätzendes und zu erſtrebendes Gut gilt, ſo ſucht die Familie, ſowie die Schule von früh auf im Kinde das Ehrgefühl zu wecken und zu kräftigen; erſtere mehr durch das werkthätige Beiſpiel eines ehrenhaften Familienlebens, letztere durch Vorführung geſchichtlicher Vorbilder, in welcher die Ehrenhaftigkeit zu lebendiger Anſchauung gebracht wird. Die Schule erhöht ferner das Ehrgefühl zur Ehrliebe zu dem lebhaften Wunſch des Schü⸗ lers, zunächſt ſeinen Lehrern und Mitſchülern gegenüber als tüchtig und ehrenwerth zu gelten.

Noch bleibt uns übrig, der verſchiedenen Arten und Stufen der Ehre zu gedenken.

Spricht man beiſpielsweiſe von der Kaufmannsehre, ſo gilt in dieſem Falle die Wahrung und Aufrechterhaltung des Credits als Hauptſache; bei der Soldatenehre wird angenommen, daß der Soldat eher das Leben als den ihm anvertrauten Poſten aufgiebt; die Beamtenehre ſetzt vor⸗ aus, daß der Diener des Staats ſtets und vollwerthig die ihm obliegenden Pflichten erfülle.

Da aber die Verpflichtungen in einer öffentlichen Stellung um ſo größer werden, je bedeuten⸗ der dieſelbe iſt, ſo gewinnt auch das ihrem Inhaber bewieſene Zutrauen um ſo mehr an Werth; er nimmt in der That eine höhere Ehrenſtufe ein und man iſt bereit, der größeren Verantwortlichkeit die größere Ehre zuzuerkennen.Ehre, dem Ehre gebührt! ſpricht der Volksmund.

Wenn aber das Beſtreben, Ehre zu erlangen, nur darin ſeinen Antrieb hat, damit öffentlicher Auszeichnung theilhaftig zu werden, wie in der Schule, um den erſten Platz, Lob und Prämien zu gewinnen, oder im Gemeinde⸗ und Staatsleben hohe Stellungen, Titel und Orden, Einfluß und Macht