Aufsatz 
Unser Landsmann Liebig
Entstehung
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28 er bei denſelben einen Eifer, eine Begeiſterung für das chemiſche Studium weckte, wie kein anderes Fach deſſen ſich zu erfreuen hatte. Ja Viele gewann Liebig ganz der Chemie, und unter dieſen eine ganze Anzahl ſeiner ſpeciellſten Landsleute aus Darmſtadt, wo es gewiſſermaßen guter Ton wurde, zu Liebig unter die Chemiker zu gehen.

So ſehen wir gegenwärtig die Mehrzahl der chemiſchen Lehrſtühle auf Univerſitäten und polytechniſchen Schulen, darunter ſolche erſten Ranges, eingenommen von Schülern des beſcheidenen Laboratoriums in Gießen.

Bei dem Verſuch, einem mit der Chemie nicht vertrauten Publikum Liebig als For⸗ ſcher darzuſtellen, ergiebt ſich eine beſondere Schwierigkeit. In der That fällt es leichter, die Leiſtungen und Verdienſte großer Künſtler, Helden und Staatsmänner zu würdigen, weil wir mehr oder weniger einen Maßſtab mitbringen für die Mittel, mit welchen dieſelben wirken. Ein ſolcher aber fehlt faſt vollſtändig auf dem Gebiete der Chemie, einer Wiſſenſchaft, die als die jüngſte angeſehen wird, deren Anfang eigentlich vom letzten Viertel

des vorigen Jahunderts datirt, und die erſt in der Mitte des gegenwärtigen die ihrem Rang entſprechende Geltung erhalten hat, der erſt in der neueſten Zeit als allgemeinem Bildungsmittel der Zutritt in unſeren Schulen zugeſtanden worden iſt.

Es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn ſo Manche, deren eigne Bildungszeit in die der Entwickelung der Chemie fiel, vom Inhalt dieſer Wiſſenſchaft keine Kenntniß haben, wenn Andere zwar von den Erfolgen der Chemie in der Induſtrie und Landwirthſchaft Einiges erfahren, jedoch keine Ahnung ihres Weſens beſitzen. Dies hier zu völligem Ver⸗ ſtändniß zu bringen, müßte eine Reihe chemiſcher Vorträge eröffnet werden. Es genüge, anzudeuten, daß die Chemie die Wiſſenſchaft von der Qualität der Materie iſt, daß ihre Aufgabe dahin geht, zu ermitteln, welcher Art jene letzten Beſtandtheile aller körperlichen Dinge ſind, die wir Elemente nennen und alle Möglichkeiten oder Verbin⸗ dungen dieſer Elemente unter einander zu verfolgen und geſetzlich zu beſtimmen. Dies läßt ſich erörtern an einem allbekannten Körper, am Waſſer. Der Phyſiker ſagt uns, daß dieſe Flüſſigkeit bei einer Temperatur von 0 Grad erſtarrt, bei 100 Grad verdampft, ſich nicht zuſammendrücken läßt und daß 1 Cubikdecimeter derſelben 1 Kilo wiegt.

Der Chemiker dagegen hat das Waſſer zerlegt in ſeine Elemente und gezeigt, daß es aus zwei luftförmigen Beſtandtheilen, nämlich aus acht Gewichtstheilen Sauerſtoff und aus einem Gewichtstheil Waſſerſtoff beſteht; er hat die merkwürdigen Eigenſchaften dieſer Elemente ſtudirt und dieſelben verfolgt in zahlreichen anderen Verbindungen.

Fleißig war ſeit Lavoiſier an dieſer Aufgabe gearbeitet worden. Gay Luſſac, Thenard, Davy, Dalton, Scheele, Klaproth und vor allen der Schwede Berze⸗ lius und zahlreiche verdiente Nachfolger hatten bereits ihre analytiſchen Unterſuchungen über Alles ausgedehnt, was die Erde an Mineralſtoffen bietet. Sie hatten als Beſtand⸗ theile derſelben die Anzahl von gegen 60 Elementen feſtgeſtellt, und man konnte beim Ein⸗ tritt Liebig's auf das Arbeitsfeld der Chemie dieſe Richtung als ziemlich erſchöpft anſehen. Die Aufmerkſamkeit der Chemiker hatte eben begonnen, von dieſem Gebiet der unor⸗