Aufsatz 
Unser Landsmann Liebig
Entstehung
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deſſen Ergebniſſe geſchildert worden ſind. Wie ernſt ihm die Wiſſenſchaft, wie hochſtehend ihm die Wahrheit war, das bezeugt der Muth, die Schärfe ja, es ſei nicht verſchwiegen mitunter die Leidenſchaftlichkeit, mit der er für ſeine Sache eintrat. Heute, wo bei Manchen ein rückſichtsloſes Auftreten mehr eine üble Gewohnheit als eine verdienſtvolle Pflicht iſt, wird man mit Erſtaunen leſen, wie Liebig in einer ganz anderen Zeit an den Kanzler der Univerſität in deren Angelegenheiten, ſowie in ſeiner Zeitſchrift über die wiſſenſchaftlichen Zuſtände in Preußen und Oeſterreich zu ſchreiben, ſich nicht ſcheute.

Die von Liebig herausgegebenen Annalen der Chemie waren die Arena, auf der

ſeine kritiſche und polemiſche Feder den Kampf führte, der dann und wann auf das hef⸗.

tigſte entbrannte und zu perſönlichen Bitterkeiten mit ſeinen Gegnern führte. Aber nie waren hierbei für ihn andere Motive vorhanden, als Wahrheit und Recht.

Wie lebhaft er davon durchdrungen war, liegt darin ausgeſprochen, daß er den eignen Enkeln die Worte ſeiner Mutter einſchärfte:Du heißt Juſtus, darum mußt du gerecht ſein und zum Recht ſtehen; du mußt deinem Namen Ehre machen!

Und nunmehr ſchließen wir die Betrachtung der menſchlichen Seite Liebig's mit dem, was er ſelbſt uns ſagt über die höchſten und ewigen Fragen über Gott, Vorſeh⸗ ung und Unſterblichkeit.

Folgende Worte ſind entnommen den Chemiſchen Briefen, die er, angelangt auf dem Glanzpunkt ſeiner Laufbahn, wie Manifeſte der Wiſſenſchaft erlaſſen hat, und die verbreitet worden ſind über die ganze Welt:

Ohne Kenntniß der Naturgeſetze ſcheitert der menſchliche Geiſt in dem Verſuche, ſich eine Vorſtellung über die Güte und unerſchöpfliche Weisheit des Schöpfers zu ſchaffen; denn Alles, was die reichſte Phantaſie, die höchſte Geiſtesbildung an Bildern nur zu erſinnen vermag, erſcheint gegen die Wirk⸗ lichkeit gehalten, wie eine bunte, ſchillernde, inhaltsloſe Seifenblaſe.

Durch die Naturwiſſenſchaften werden die Hülfsmittel der Staaten zu⸗ nehmen, in ihrem Vermögen und in ihrer Kraft wachſen, und wenn der Menſch im Druck ſeiner Exiſtenz erleichtert, von den Schwierigkeiten nicht mehr überwältigt wird, die irdiſchen Sorgen zu tragen und zu beſeitigen, dann erſt wird ſich ſein Sinn reiner und geläutert dem Höheren und Höchſten zuwenden können.

Die Naturforſchung lehrt uns die Geſchichte der Allmacht, der Vollkom⸗ menheit, der unergründlichen Weisheit eines unendlich höheren Weſens in ſeinen Werken und Thaten erkennen; unbekannt mit dieſer Geſchichte kann die Vervollkommnung des menſchlichen Geiſtes nicht gedacht werden, ohne ſie ge⸗ langt ſeine unſterbliche Seele nicht zum Bewußtſein ihrer Würde und des Ranges, den ſie im Weltall einnimmt.

So verklärt ſich die Erinnerung an unſeren großen Landsmann Juſtus von Liebig zu einem leuchtenden Bilde; ſo erſcheint er uns ein Heros der Wiſſenſchaft hingebend als Lehrer, treu als Freund, hülfreich und edel als Menſch!