Aufsatz 
Unser Landsmann Liebig
Entstehung
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ſtellung von Silberſpiegeln ſuchte er die für die Geſundheit der Arbeiter ſchädliche Fabrikation der Queckſilberſpiegel abzuſchaffen.

Wie an alles Gute, ſo reihte ſich auch an dieſe Geſchenke die Uebertreibung, der Mißverſtand ja der Mißbrauch. Aber auch hier iſt der Grundgedanke korrekt und die vernünftige Anwendung von dem beſten Erfolg.

Zu all dem vielſeitigen, im Vorhergehenden geſchilderten Wirken tritt bei Liebig noch eine weitere Begabung von hervorragender Bedeutung, ſeine Leiſtung als Schriftſteller. Schon ſein Briefwechſel mit Platen aus den Studienjahren läßt die Anlage hierzu er⸗ kennen. Anfänglich nur auf die Abfaſſung fachlich wiſſenſchaftlicher Abhandlungen be⸗

ſchränkt, dehnt ſich Liebig's ſchriftſtelleriſche Thätigkeit ſpäter aus auf die Bearbeitung des Geiger'ſchen Lehrbuchs, auf die Fortſetzung des Berzelius'ſchen Jahresberichts, auf die Redaktion der Annalen und des Handwörterbuchs der Chemie. Den Höhe⸗ punkt ſchriftſtelleriſcher Leiſtung erreicht jedoch Liebig in ſeinem berühmten WerkeDie Organiſche Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Phyſiologie und in ſeinenChemiſchen Briefen, wahre Meiſterwerke der Darſtellung, klar, feſſelnd, voll großartiger Gedanken und wahrhaft prophetiſcher Geiſtesblitze. Sie ſind in vielen Auflagen und Ueberſetzungen über die Welt verbreitet worden.

Haben wir im Vorhergehenden Liebig nach ſeinen Lebensverhältniſſen, ſeiner Bedeutung als Lehrer, Forſcher und Schriftſteller kennen gelernt, ſo reihen wir daran einige Worte über ſeine äußere Erſcheinung und ſeinen Charakter.

Aus der Erinnerung von Jugendfreunden, aus vorhandenen Bildern und insbeſondere aus Platens Schilderungen wiſſen wir, daß Liebig in ſeinen Jünglingsjahren eine Er⸗ ſcheinung von feſſelnder Schönheit war. Bei gewöhnlicher Größe und ſchlanker Geſtalt wurde ſeine vortheilhafte Geſichtsbildung gehoben durch eine lebhafte Geſichtsfarbe und tief ſchwarzes Haar.

Als ich Liebig in ſeinem einunddreißigſten Jahre kennen lernte, hatten zehn Jahre der an⸗ geſtrengteſten Geiſtesarbeit ſeiner Perſon tief ſich eingeprägt. Das große, ſprechende Auge, von ſtarken Brauen überſchattet, die kühn hervortretende Naſe und der feingeſchnittene Mund verliehen ſeinem Geſicht einen ebenſo geiſtvollen, als anziehenden Ausdruck. Rechnen wir, hierzu eine weiche, wohllautende Stimme und die feine, ja verbindliche Art ſeiner Haltung im Verkehr, ſo erklärt ſich der gewinnende Eindruck, den Liebig auf jeden hervorbringen mußte, der mit ihm in Berührung gekommen iſt.

Dieſem äußeren Bilde entſpricht Liebig's Charakter. Herzensgüte war ein Grundzug deſſelben. Dies findet ſich ausgeſprochen in ſeinem Familienleben, in dem Wohlwollen, das er ſeinen Schülern entgegenbrachte, in der treuen Freundſchaft, die er denſelben be⸗ wahrte. Es war ihm ein Anliegen, ja ein Bedürfniß, Solche, die einen Erfolg zu ver⸗ ſprechen ſchienen, in jeder Weiſe zu fördern. Wie nachhaltig dieſe Theilnahme ſich erwies, erſehe ich mit Rührung aus den herzlichen, leider letzten Zeilen, die er nicht lange vor ſeinem Tode an mich gerichtet hat.

Neben dieſer Gemüthsſeite einher ging dann bei Liebig jener thatkräftige Forſchertrieb,