Aufsatz 
Unser Landsmann Liebig
Entstehung
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laſſene Stellung ihm willkommen ſein mochte erſt dann folgte er der dringenden Ein⸗ ladung des Königs Max, der Liebig mehr als äußere Ehre, der ihm wahre Zuneigung und Freundſchaft entgegenbrachte und bewährte.

Im Jahre 1852 verlegte Liebig demzufolge ſeinen Wirkungskreis nach München, wo ihm die höchſte Würde der Gelehrtenrepublik, die Präſidentſchaft der Akademie der Wiſſenſchaften zu Theil wurde. Seine hier verbrachten Jahre gleichen einer Aernte, die in reichſter Fülle ihm Huldigung und Verehrung gewährte. Fürſten, gelehrte Geſellſchaften und bürgerliche Corporationen wetteiferten in der Darbringung von Auszeichnungen aller Art. Die bedeutendſten Perſonen, die München berührten, verſäumten nicht, den großen Forſcher aufzuſuchen in ſeinem Laboratorium.

Jetzt halten Sie mir einen kleinen Vortrag, lieber Baron, ſagte in denrſelben der Kaiſer von Braſilien zu ihm,damit auch ich ſagen kann, daß ich zu den Füßen Liebigs geſeſſen daß ich ſein Schüler geweſen bin.

Mehr als alles andere bezeichnet dieſe Begegnung Liebigs Weltſtellung.

Seine Wirkſamkeit in München beſtand weniger wie ſeine frühere in der Leitung einer chemiſchen Schule, in der Ausführung großer experimentaler Unterſuchungen; hierfür hatte er jüngere Kräfte geweckt und in Bewegung geſetzt. Sein Einfluß erſtreckte ſich hier auf die Förderung der Wiſſenſchaft überhaupt und nach allen Richtungen, ganz entſprechend ſeiner Stellung an der Spitze ihrer höchſten Corporation.

Im Jahre 1870 erkrankte Liebig ſchwer und ſeinen Tod als gewiß anſehend, traf er mit erhabener Ruhe des Geiſtes und des Herzens alle Anordnungen bis ins Kleinſte zur Abſchiedsreiſe vom Leben. Doch er ſollte wieder geneſen, wenn auch nicht um zur früheren Kraft ſich wieder zu erholen. Erſt drei Jahre ſpäter, am 18. April d. J., von einem ſcheinbar leichten Unwohlſein befallen, hauchte er nach kurzem Krankſein ſchmerzlos ſeine edle Seele a1us

Dies H. A. in wenig Worten der Abriß eines Lebens, deſſen Schilderung bereits eine Literatur hervorgernfen hat, die noch lange nicht erſchöpft iſt und nur in einem großen, alle Seiten dieſer ausgezeichneten Perſönlichkeit umfaſſenden Werke ihren Ab⸗ ſchluß finden wird.

Verfolgen wir nun das Wirken Liebigs nach ſeinen einzelnen Richtungen, ſo tritt vor Allem der Lehrer in den Vordergrund.

Völlig neu, ohne Vorbild, wie unbewußt aus ſeinem eigenſten Weſen hervorgegangen, war Liebigs Lehrweiſe. Welch ein Gegenſatz zur damaligen Art der akademiſchen Vorträge, wo der Profeſſor meiſt mit einem dicken Heft das Catheder beſtieg nnd mehr oder weniger mono⸗ ton ſein Penſum ablas, während kritzelnde Hände bemüht waren, mangelhafte Hefte voller Mißverſtändniſſe nachzuſchreiben.

Liebigs Vortrag war vollkommen frei; nur ein kleines Notizblatt diente ihm als Grenzmarke für Anfang und Schluß. Derſelbe war oratoriſch weder glänzend noch hin⸗ reißend. Liebig war kein Redner im großen Stil. Aber an einfacher Klarheit, an faſſen⸗ der Lebendigkeit wird ſeine Darſtellungsweiſe niemals übertroffen werden. Insbeſondere