Aufsatz 
Unser Landsmann Liebig
Entstehung
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Freundſchaft für ihn in mehreren klaſſiſchen Sonetten ſich ausgeſprochen findet. Auch ver⸗ dankt demſelben Liebig manche geiſtige Anregung auf dem äſthetiſchen Gebiete.

Aus der Literatur war es Liebig klar geworden, daß Paris der einzige Ort ſei, wo der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von Lavoiſier in der Chemie gegebene An⸗ ſtoß ſich erfolgreich weiter verbreitet hatte, und wo insbeſondere Gay⸗Luſſac in der Experimentirkunſt eine hervorragende Stellung einnahm. Aber ein Studium in Paris war damals ein faſt unerhörtes, unerſchwingliches Unternehmen. Und hier war es, wo unſer verewigter Großherzog Ludewig I., der erhabene Gönner der Kunſt und Wiſſenſchaft, den Grund legte zu Liebigs ruhmreicher Laufbahn durch Verleihung eines mehrjährigen Sti⸗ pendiums. Mit Genugthuung erkennen wir Heſſen in den von der Landesbibliothek ge⸗ botenen Schätzen, ſowie in der von dem großmüthigen Fürſten gewährten Unterſtützung den ſchönſten Beweis dafür, daß Deutſchland im Beſitz der vielfachen, von ſeiner politiſchen Gliederung bedingten Stätten geiſtiger Cultur, eines großen, hoffentlich ihm ſtets bewahrt bleibenden Vorzugs ſich zu erfreuen hat.

Und wie dankbar ſollte die dem ſtrebſamen Jüngling gewordene Unterſtützung ſich be⸗ währen! Alsbald ſehen wir nunmehr Liebig in Paris ſich wiſſenſchaftlich mit den explodirenden Verbindungen beſchäftigen und mit Gay⸗Luſſac ihre elementare Zuſammen⸗ ſetzung feſtſtellen. Es wurde dem jungen Chemiker geſtattet, die betreffende Abhandlung in einer Sitzung der Akademie der Wiſſenſchaften zu leſen, bei der Alexander von Humboldt gegenwärtig war. Letzterer, hierdurch auf Liebig aufmerkſam ge⸗ worden, intereſſirte ſich lebhaft für denſelben; er machte ihn bekannt mit den bedentenden pariſer Fachgelehrten und erwies ſich ihm hierdurch, ſowie auch ſpäter noch vom förder⸗ lichſten Einfluß. Eine nur vom Tode getrennte Freundſchaft der beiden großen Männer knüpfte ſich an dieſe erſte Begegnung. Insbeſondere aber gelang es durch Humboldts Vermittlung, daß Liebig bereits im Jahre 1824, erſt 21 Jahre alt, als Privatdocent an der Univerſität Gießen zugelaſſen, ſeine chemiſche Lehrthätigkeit beginnen konnte.

Als bald darauf durch einen tragiſchen Zufall die Lehrſtelle der Chemie in Erledigung kam, ſo wurde in Ermangelung jeder anderen Perſönlichkeit dieſelbe im Jahre 1826 auf Liebig übertragen. Günſtig war dieſe Fügung aber nur dadurch, daß ſie dem rechten Mann begegnete. Man denke ſich einen dreiundzwanzigjährigen Profeſſor der Chemie ohne Laboratorium, ohne Auditorium, ohne Präparate, Apparate und Aſſiſtenten, kurz ohne Alles, was man heutzutage als ſelbſtverſtändlich vorausſetzt, und man wird nicht begreifen, wie Liebig aus Nichts in wenigen Jahren die erſte chemiſche Schule der Welt zu ſchaffen vermochte. Hier entfaltete ſich ſofort jene raſtloſe Arbeitskraft, die von richtigen Geſichts⸗ punkten geleitet, das geſteckte Ziel mit den geringſten Mitteln verfolgt und erreicht.

Nur ein leeres Lokal war Liebig überlaſſen worden, ein kleines, früher als Kaſerne der Gensdarmierie verwendetes Gebäude, mit Stallungen im unteren Stock. Hier richtete derſelbe bei einer Beſoldung von nur 800 Gulden, anfänglich ganz auf eigene Koſten ein Laboratorium ein und begann darin die praktiſchen Studien mit zwei Laboranten. Allein bereits im Jahre 1834, als ich in daſſelbe eintrat, waren dieſe Räume zu enge geworden, waren aus dieſem