Aufsatz 
Schüler und Lehrling. Rede
Entstehung
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Indem ich ſage:die Schule führt den Schüler hin auf das Allgemeine, ſo verſtehe ich hier⸗

unter folgendes: Dieſelbe erfaßt den jungen Menſchen nach allen ſeinen Eigenſchaften und ſucht ſie in ſolcher Weiſe auszubilden, daß er dem idealen Vorbild eines vollkommenen Menſchen möglichſt genähert wird. So weckt ſie den in der Seele ſchlummernden Funken des göttlichen Geiſtes und knüpft hieran die Entfaltung des religiöſen Gefühles und Glaubens; ſie fördert den Sinn für das Gute, Edle und Schöne, indem ſie aus der Geſchichte vergangener Zeit die nachahmenswerthen Bilder großer Menſchen hervorruft und dabei jene wunderbaren Spiegelungen menſchlicher Gedanken und Empfindungen zu Hülfe nimmt, welche die Dichter gleich gottbegabten Sehern in ihren unſterblichen Werken offenbart haben.

Die Schule iſt es ferner, welche die Seelenkräfte des Gedächtniſſes, des Vorſtellungsvermögens, der Urtheilskraft übt und ſtärkt, indem ſie den Gehalt und das Geſetz fremder Sprachen lehrt, indem ſie die rechnende und meſſende Größenlehre ihrem Schüler beibringt. Nicht minder benützt ſie hierzu die Natur⸗ wiſſenſchaften, und während Religion, Geſchichte und Literatur den Geiſt mit Idealen erfüllen, verleihen ihm letztere realen Gehalt, indem ſie ihn bekannt machen mit den Stoffen und Weſen ſeiner Umgebung, mit ihren Eigenſchaften, Kräften und Wechſelwirkungen. Ja, auch die körperlichen Fähigkeiten des Schülers läßt die Schule nicht unberückſichtigt; ſie übt das Ohr und die Stimme zum Auffaſſen und Wiedergeben des Wohllauts, ſie führt ſeine Hand zum Nachzeichnen verſchiedener Formen und ſelbſt die Bewegung des Köͤrpers, die Verwendung ſeiner Glieder und Kräfte lehrt ſie nach Abſicht und Geſetz gebrauchen.

So hat die Schule den ganzen Menſchen erfaßt, ſo arbeitet ſie mit allen Schülern nach einem Ziel; ſie will alle gleichmäßig fördern in ſeiner Erreichung, frei von jeder Selbſtſucht, von jeder eigen⸗ nützigen Abſicht.

Vergleichen wir hiermit das Leben, die Beſchäftigung, die Richtung des Lehrlings.

Er iſt in ein Geſchäft eingetreten. Seine ganze Zeit, ſeine ganze Perſon gehört jetzt dem ergrif⸗ fenen Beruf. Vollſte Hingebung an denſelben, dies iſt die erſte und Hauptbedingung, welche der Prin⸗ cipal vom Lehrling verlangt. Und er verlangt dies mit vollſtem Recht. Nur wenn der Lehrling ſich als lebendiges Glied des Geſchäftes fühlt, wenn er mit ſeinem ganzen Intereſſe demſelben ſich hingibt, es zu ſeiner eigenen Sache macht nur dann genügt er ſeiner Stellung, nur dann fördert er mit den Zwecken des Ganzen auch ſeine eignen Abſichten.

Was iſt aber bei allen geſchäftlichen Berufsarten Abſicht und Endziel aller Thätigkeit, alles Ringens und Strebens? Es iſt der Vortheil, der Gewinn, der Erwerbl Sei es die Erbauung kunſtreicher Maſchinen oder der Umſatz von Colonialwaaren, ſei es die Erzeugung von Fabrikaten oder der Abſatz von Wein und Landesprodukten in jedem Geſchäft ſchließt alle Arbeit und Thätigkeit, aller Aufwand von Scharfſinn und Ueberlegung mit einer Rechnung ab. Am Ende aller Dinge wird eine Bilanz ge⸗ zogen über Gewinn und Verluſt, dieſe beiden Angelpunkte der ganzen geſchäftlichen Exiſtenz. Und wenn dieſer Abſchluß keinen Gewinn ergibt, dann war die ganze Arbeit vergeblich; alles Schreiben, Reiſen, Verkehren, Bauen, Konſtruiren und Fabriciren alles Wetten und Wagen es war verlorne Zeit und Mühe! Denn all' dieſe Unternehmungen, wie viel Nützliches, Angenehmes und Schönes ſie hervor⸗ bringen, ſie werden gar nicht unternommen, weil die Geſchäftsleute darin ihre Freude und Befriedigung finden, ſondern in all' dieſem raſtloſen Treiben der Induſtrie, in dieſem unermüdlichen Handel und Wandel iſt die Ausſicht auf Gewinn allein das treibende Rad der herrſchende Gedanke die Seele des Geſchäfts. 4

Und in dieſe Richtung wird unwiderſtehlich der Lehrling hineingezogen. Nicht rechts, nicht links, gradaus den Blick auf das Ziel gerichtet, unbeirrt daſſelbe im Auge behaltend, unverdroſſen daſſelbe ver⸗ folgend dies macht den Geſchäftsmann. Wo bleibt Zeit, Sinn und Luſt für alle jene Gebiete