Aufsatz 
Schüler und Lehrling. Rede
Entstehung
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Sinn für höhere Lebensauffaſſung betäubt und nur im Vergnügen eine Ausſpannung aus dem Joche des Geſchäftes gefunden. Wie ſollen dann Ideale geweckt werden in verödeten Gemüthern und vertrockneten Herzen! Beſonders bedenklich für den Charakter wird es, wenn Reichthum und Glücksfälle ſolche Naturen begünſtigen. Da gibt es dann ſolche Bürger, deren Vaterlandsliebe ſich in dem Ausſpruch kund gibt: Wo es mir gut geht, da iſt mein Vaterland da gibt es dann jene Väter, die ihren eignen Kindern keine beſſere Erziehung gönnen und die bei jedem Anſpruch, welchen die höhere Bildung macht, die Redensart im Munde führen:Wozu das viele Lernen; ich ſelbſt habe ja auch nichts ge⸗ lernt und bin jetzt doch ein vermögender Mann!

Auch wir wiſſen recht gut, daß die Schule keine abſolute Bedingung des künftigen Erwerbes und Wohlergehens iſt wir kennen recht wohl Beiſpiele, wie Fleiß, Redlichkeit und Sparſamkeit manch einen Mann emporgebracht haben, der kaum die allerdürftigſte Bildung und die geringſten Mittel beſaß. Aber grade von ſolchen wackeren Bürgern haben wir es mitunter in rührender Weiſe ausſprechen hören, wie ſie es fühlen und oft in ſchmerzlicher Weiſe empfunden haben, daß ihnen jener Gehalt fehle, der den Menſchen auch da zur Geltung bringt, wo es ſich nicht mehr um Intereſſen des Geſchäftes, ſondern um höhere handelt; grade von ſolcher Seite erfährt nicht ſelten die Schule die dankbarſte Anerkennung und eifrigſte Benutzung.

Wie Manche denken: wenn nur recht bald die Lehrzeit überſtanden iſt, und Geld verdient wird, dann läßt ſich ja noch Allerlei lernen und einholen. Aber indem ſie dieſes ſagen, wiſſen ſie nicht, wie ſchwierig meiſt ganz unmöglich insbeſondere aber, wie koſtſpielig aller ſpätere Unterricht iſt und wie ſeine Erfolge um ſo geringer ausfallen, je mangelhafter die Schulkenntniſſe ſind, an welche derſelbe anzuknüpfen hat. Oft muß mit den ſchwerſten Opfern an Zeit und Geld mühſam errungen werden, was ein Jahr des längeren Schulbeſuches leichter und beſſer gewährt hätte.

In wie viel günſtiger Lage erſcheint dagegen derjenige, der mit Erfolg die ganze Realſchule erledigt hat. Wohl mag er ſich jetzt mit regſtem Eifer und ganzem Intereſſe dem ergriffenen Lebensberufe zu⸗ wenden, wohl mag er die Bücher auf einige Zeit bei Seite legen und mit Hand und Fuß im bewegten Strome rudern er mag der Beſonderheit ſeines Geſchäftes mit Leib und Seele angehören, dennoch wird er ſchwerlich ein Sonderling werden mit blödem Auge und verkümmertem Herzen. Sobald er nur einen Moment aufathmet aus dem Druck der Geſchäftslaſt, ſobald der Lohn ſeiner Arbeit ihm Erholung und Muße vergönnt, da erwachen wieder jene Götterbilder der Ideale, welche in die jugendliche Bruſt verſenkt, dort geſchlummert haben und treten freundlich und erquickend hervor. Aus der Beſonderheit des Berufes wird der gebildete Bürger durch ſeine Familie, durch ſeine Verhältniſſe zur Gemeinde und zum Staate wieder hingewieſen auf das Allgemeine. Mit höherer Bildung begabt und gewohnt die Er⸗ fahrungen des Lebens in folgerechtem Schluſſe zu prüfen, wird er in den Angelegenheiten ſeiner Familie, der Gemeinde und des Staates Einſicht, Urtheil und Humanität bewähren.

Solche Bürger zu erziehen, H. A., dies iſt unſere Aufgabe; darauf hinzuweiſen, wie ſie erreicht werde, unſere Pflicht. Sie iſt dies um ſo mehr, als der Staat und die hieſige Stadt hierfür große Opfer bringen. Eine geſicherte und unabhängige Stellung macht unſer Wort frei von jedem Gedanken an Eigennutz und perſönlichen Vortheil. Wir haben, indem wir unſere Wünſche ausſprechen, nur ein Intereſſe es iſt der Vortheil Aller die Heranbildung eines tüchtigen Bürgerſtandes. Möge Gott uns hierin ſeinen Beiſtand und Segen verleihen!