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geiſtiger Kultur, welche in der Schule gehegt und gepflegt wurden? Kann dieſes jetzige Sinnen und
Trachten des jungen Geſchäftsmannes eine Fortſetzung der Schule genannt werden? Nein, wahrhaftig nicht! Die Lehre folgt der Schule, aber ſie iſt nicht deren Fortſetzung.
Bei dieſem Unterſchied der allgemein bildenden Aufgabe der Schule und dem beſonderen Zweck eines geſchäftlichen Lebensberufes iſt es nun von groͤßter Wichtigkeit, die gegenſeitige Berechtigung beider abzu⸗ wägen und feſtzuſtellen.
Vorerſt wird Niemand das Recht, die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit beſtreiten, mit welcher die Schule ſich des jungen Menſchen bemächtigt und auf die früher nachgewieſene Bildung deſſelben hinarbeitet. Es fragt ſich dabei nur, wo iſt denn die Gränze dieſes Zieles— wann iſt der Zeitpunkt Enchetieten, wo der allgemein gebildete Menſch fertig iſt.
Es hat eine Zeit der Humanitätsſchwärmerei gegeben, die allerdings hierin keine Gränzen aner⸗ kennen wollte; die Enthuſiaſten jener Periode würden am liebſten jeden Menſchen ſein ganzes Leben lang in der Schule behalten, ſie würden die ganze Bevölkerung in Erzieher und Zöglinge getheilt haben, um ihr Ideal des allgemeinen Menſchen zu verwirklichen.
Aber bedenken wir doch wohl— es gibt ja nie und nirgends einen allgemeinen Menſchen; überall finden wir nur beſondere Menſchen. Wir finden Deutſche, Engländer, Franzoſen, und unter dieſen wieder den Geſchäftsmann, Gelehrten, Landbauer, den Soldaten— Jeden in ſeiner Beſonderheit. Ja, es ſteht feſt, daß je ausgeprägter dieſe Beſonderheit beim einzelnen Menſchen und bei einem ganzen Volke iſt, deſto kräftiger und wirkungsvoller tritt die Perſönlichkeit hervor, deſto mehr kommt der Menſch zur Geltung.
Daher wird eine Schule, welche als Vorbereitung des höheren bürgerlichen Beruflebens dient, das ſo früh der verjüngenden Arme bedarf, den Schüler niemals allzulange behalten. Sie muß ſich zu dieſem Bedürfniß in das richtige Verhältniß ſetzen, ihren Plan und Stoff dem gemäß eintheilen und ausführen.
Mag nun aber eine Schule heißen wie ſie wolle, ſobald ihr Ziel über den elementaren Unterricht hinausgeht, ſo wird ſie bis zum vierzehnten Jahre ihrer Schüler nicht über die Legung des Fundamentes hinauskommen. So lange bedarf es bei der großen Mehrzahl, um dieſelbe einzuſchulen, d. h. um den Schüler an richtige Auffaſſung, ſelbſtändige Verarbeitung und Handhabung des Lehrſtoffs zu gewöhnen, um den Schüler in den Sprachen und der Mathematik die erforderlichen Vorkenntniſſe beizubringen, daß alsdann der Uebergang zu höherer Ausbildung gemacht werden kann. Und zur Vollendung dieſer nehmen wir noch zwei weitere Jahre in Anſpruch, ſo daß mit dem 16ten Jahre der Lehrgang abſchließt.
Aber wie wichtig ſind dieſe beiden letzten Jahre für den Schüler und für den künftigen Menſchen! Hier ſollen die Blüthen ſich entwickeln und die Früchte reifen, zu welchen von unten auf die Keime ge⸗ legt wurden, hier ſoll erſt mit tieferem Sinn und Verſtändniß Sprache und Geſchichte, Mathematik und Naturwiſſenſchaft getrieben werden und nicht nur eine rechte Uebung der geiſtigen Kraft, eine tüchtige Feſtigung des Charakters, ſondern auch die Kenntniß in vielen praktiſch nützlichen Dingen erreicht werden.
Und in der That, H. A., eine hinreichende Erfahrung beſtätigt uns den großen und wahren Vor⸗ theil der mit einer erfolgreichen Erledigung des ganzen Curſes der Realſchule verknüpft iſt. Wir erfreuen uns in dieſer Beziehung einerſeits der anerkennendſten Urtheile von Seiten der angeſehenſten Geſchäftshäuſer und höheren Lehranſtalten, in welche unſere reifen Zöglinge eingetreten ſind— andrer⸗ ſeits ſind es dieſe ſelbſt, welche in ſpäterer Zeit ſo recht erfahren und einſehen, wie eine tüchtige allge⸗ meine Vorbildung im Leben einen ganz anderen Menſchen macht als den bloßen Geſchäftsroutinier.
Denn verfolgen wir nun die Kehrſeite des Bildes; ſehen wir den unreifen Schüler ſofort aus der Schule abgerufen und zum Lehrling gemacht. Wie leicht überwuchert da der Eigennutz und die Gewinn⸗ ſucht den ganzen künftigen Menſchen, wie leicht wird durch das Tretrad des geſchäftlichen Berufs aller


