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Und wenden wir uns nun zu dem Schüler, der da austritt aus unſerer Schule, der ſie verläßt, nachdem er von Klaſſe zu Klaſſe ſich emporgearbeitet und fleißig und ſtrebſam bis zum letzten Augenblick ausgehalten hat— wird ſein Name vergeſſen, ſein Gedächtniß getilgt und erloſchen ſein?
Oh nein— auch die Schule bewahrt die Erinnerung treuer Pflichterfüllung, auch ſie gedenkt derer, die in Fleiß und Sittlichkeit ſich bewährt haben. Ja meine Lieben— das Andenken eines braven Schülers lebt fort in der Schule und es ſind eure Lehrer, in deren Gedächtniß euch ein ſchönes Denkmal erhalten bleibt. Gibt es doch für uns kein ſchoͤneres Bild, keine freundlichere Vorſtellung, als rückwärts zu ſchauen und uns diejenigen zu vergegenwärtigen, die da von uns geſchieden ſind, als treue, als gute Schüler.
Wie oft, wenn Mißerfolge den Lehrer betrüben, wenn der Abgang unreifer und unfertiger Schüler ihn entmuthigen, wie oft hält er ſich dann die Namen derjenigen vor, die ihm Freude, der Schule Ehre und ſich ſelbſt und ihrer Familie Glück und Segen bereitet haben! Sie bleiben uns ſtets gegenwärtig, ſie dienen uns als Beleg unſeres Wirkens, als Beiſpiel und Maaßſtab für die Perſönlichkeiten und Lei⸗ ſtungen nachfolgender Schüler⸗Generationen.
Aber es wird auch der gute Schüler mit warmer Anhänglichkeit und Treue der Schule gedenken, in welcher ſein ganzes Weſen gründet und wurzelt. Damit für dieſe gegenſeitig fortlebende Beziehung ein äußeres Denkmal errichtet werde, übergeben wir gerne beim Abſchied ſolchen Schülern ein Erinner⸗ ungszeichen. Und ſo lege ich jetzt in ihre Hände die Gaben, welche die Liebe der Lehrer den Beſten
beſtimmt hat.
Schüler und Lehrling.
Nehmen wir das vorherige Gleichniß wieder auf, wonach das Leben nur die Fortſetzung der Schule, ein verlängerter Curſus derſelben iſt. Ja, dann erſcheint der Austritt aus der Schule als gar nichts beſonderes, Neues, dann iſt er eben das Fortrücken im nothwendigen Gleiſe der Lebensbewegung. Dann iſt es auch einerlei, ob der Schüler heute oder morgen austritt, ob er drei, vier oder ſechs Klaſſen er⸗ ledigt. Er tritt nur über in eine neue Lehranſtalt, nur die Namen wechſeln und die Perſon— gelernt und gehorcht muß ja immer noch werden. Seine Schule heißt jetzt: das Geſchäft, Comptoir oder Atelier — ſein Lehrer heißt jetzt: der Meiſter, Chef oder Prinzipal— aus dem Schüler ſelbſt iſt ein Lehr⸗ ling geworden. Sollen wir daher nicht denen Recht geben, die ſich beeilen aus dem Schüler einen Lehrling zu machen, ſollen wir nicht ſelbſt mithelfen, ſo bald als möglich den jungen Menichem aus unſerer Schule in die des Lebens zu verſetzen?
Dieſes, Hochgeehrte Anweſende, iſt keineswegs unſere Aufgabe; ein jedes Gleichniß erſchöpft ſich an einer gewiſſen Gränze und ſchon in der ungleichen Benennung von Schüler und Lehrling liegt angedeutet, daß ein Unterſchied beſteht in dem, was die Schule anſtrebt und in dem, was die Lehrzeit bezweckt, und dieſes Verhältniß vor Ihnen zu beſprechen, habe ich mir heute vorgenommen.
Der Unterſchied zwiſchen Schule und Lehre läßt ſich in wenig Worten ausdrücken: Die Schule verfolgt das Allgemeine— die Lehre das Beſondere; das Ziel jener iſt die Entwicklung und Bildung des Geiſtes, das Ziel dieſer die Erreichung des perſönlichen Vortheils.
Es erhellt hieraus, wie ſehr dieſe beiden Richtungen aus einander gehen, wie im Verfolgen derſelben
der junge Menſch ein ganz verſchiedener iſt. — 3


