Aufsatz 
Die geschichtliche Entwicklung der pädagogischen Ansichten über die Körper- und Charakterbildung
Entstehung
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6 Dr. O. Schneider:

gerade auf dem Gebiete des klassischen Unterichts die Freude und ein wesentlicher Erfolg.

Es verschwand aber auch ein groſser Teil der Jugendfrische, wie sie uns noch aus dem jungen Klopstock, Lessing, Herder und Goethe entgegenstrahlt.

So hat sich denn bei uns in Deutschland die Frage längst dahin zugespitzt, daſs es nicht mehr heiſst:fördern die Ein- richtungen der Schule die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes?, sondern daſs man fragt:wird diese nicht dadurch geschädigt?

Gerade die Schüler, die den Anforderungen der Schule vollauf genügen, sind häufig, ja meistens bleich und nervös allerdings wohl weil sie gerade in Fleiſs und Gewissenhaftigkeit nicht recht Ziel und Grenze finden, während umgekehrt noch weit mehr Schüler den Aufgaben der Schule zu wenig Teilnahme widmen. Die Kluft ist zu groſs zwischen den Fleiſsigen und Unfleiſsigen.

Unsere höheren Lehranstalten müssen also ihren Schülern mehr für Körper- und Charakterbildung bieten und darauf achten, daſs der Ehrgeiz nicht zu krankhafter Ehrsucht wird, dafs in- folge des ganzen Betriebs im Unterricht, weiser Beschränkung im Umfang des Wissens- und Gedächtnisstoffes und im Ver- bieten die Jugend es immer mehr als erste Pflicht empfindet, im Gebiete der Schule und der Schulaufgaben ebensowenig zu lügen und zu betrügen wie im gesellschaftlichen und im bürgerlichen Leben, daſs schon jeder Sextaner fühlt, wie er sich durch eine laüre selbst entehrt und er lieber eine Strafe auf sich nimmt als lügt*).

Wie nun das Ausland einzelne Vorzüge aus unserem Unter- richtswesen aufgenommen hat und von uns lernt, so müssen wir von ihm, müssen insbesondere von den uns stammverwandten Völkern, den Skandinaviern und Engländern, lernen.

Von den Dänen könnten wir die vier Turnstunden in unseren Plan aufnehmen, zumal wir z. B. in Hessen bereits be- rechtigt sind, der Jugend jeden Monat 12 halbe Tage den Genuſs von Spielen und Märschen in freier Luft zu verschaffen. Es wären dann bei gutem Wetter deutsche Turnspiele und Spiele nach englischem Muster zu pflegen, oder bei schlechtem Wetter Turnen zu betreiben.

Aus Schweden und von den Kadettenhäusern wäre Fechten wenigstens für die oberen Kurse zu entlehnen. Welch günstigen Einfluſs 4 Stunden Turnen und Fechten ausüben, hatte ich in Bingen Gelegenheit, in privaten Kursen zu beob- achten.

Vor allem müssen wir jedoch von den Engländern lernen.

*) Vergl. Rede des Unterz. bei der Feier des 50 jährigen Bestehens der Realschule zu Bingen am 9. April 1889.