Aufsatz 
Die geschichtliche Entwicklung der pädagogischen Ansichten über die Körper- und Charakterbildung
Entstehung
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Die geschichtliche Entwicklung der pädagogischen Ansichten etc. 5

spannte Forderungen,Phrasendreschen und unerlaubte Hilfs- mittel auf den Charakter wirken müssen.

Wenn nun das Bildungsideal des humanistischen Gymnasiums sich nach 70 80 Jahren wenig Anerkennung verschafft hat, so war die Betonung der körperlichen und Charakterentwicklung in ihm noch geringer.

Doch muls hier auch der tragische Ausgang der sich mit Pestalozzi berührenden Anregung berücksichtigt werden.

Der von ihm ausgehende erzieherische Aufschwung wurde noch gewaltig verstärkt durch die Begeisterung der Freiheits- kriege. Das Vaterländische, die deutsche Sprache, das Turnen und die regelmässigen Leibesübungen waren in jenen Jahren innerer Sammlung und unwiderstehlich den Staat emporreissender Volkskraft zu ihrem Rechte gelangt.

Da verübte Sand seine unselige That, indem er Kotzebue ermordete(1819).

Die nun von den Regierungen ergriffenen Maſsregeln knickten mit den Auswüchsen auch die edlen Triebe, das Turnen wurde verboten.

Gerade aber mit der Neuordnung der staatlichen Verhält- nisse vom Jahre 1815 an übernimmt der Staat erst teilweise, dann fast ganz die Leitung des Schulwesens; er erläſst nunmehr allein die Lehrordnung und die Lehrpläne, und erst kurz vor 1848 werden dem Turnen wieder 2 Stunden zugewiesen.

Man darf und muls es aber bestimmt aussprechen, daſs in den beinahe 30 Jahren derTurnsperre das neue humanistische Gymnasium seine einseitig auf Lernen und Wissen gehende Neigung scharf ausbildete und auch, seit dem Turnen, meist in geschlossenen Hallen, 2 Stunden in der Woche zugewiesen sind, der Entwicklung des Charakters und der Betonung leiblicher Tüchtigkeit ängstlich oder ratlos gegenübersteht.

An dem gekennzeichneten Stand der Dinge änderten wohl- meinende Absichten wie die des preufsischen Kultusministers oder der hessischen Schulleitung bisher wenig.

Daſs dagegen an einzelnen Orten schon Rühmliches erstrebt und erreicht wurde, beweisen die Jugendspiele in Görlitz.

Um die jüngere Entwicklung unserer Frage klar zu über- schauen, berücksichtige man, dafs gerade die deutschen höheren Lehranstalten sich seit 40 50 Jahren nicht mehr damit begnügen konnten, die angeblich auf Latein und Griechisch beruhende Bildung zu vermitteln, sondern auch den Forderungen der Neuzeit entsprachen, die erstarkte Muttersprache zu pflegen, die neuen, fremden Sprachen sowie Mathematik und Naturwissenschaften mehr oder weniger zu berücksichtigen.

Indem man nun das ursprüngliche Ziel nicht aus dem Auge lieſs und zugleich den eben erwähnten Forderungen gerecht werden wollte, erzeugte man Unruhe, und es verschwand meist