Aufsatz 
Die geschichtliche Entwicklung der pädagogischen Ansichten über die Körper- und Charakterbildung
Entstehung
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4 Dr. O. Schneider:

Es siegen nicht nur die Neuhumanisten(Alt-Philologen) über die philantropischen Realisten, es verschwindet nicht nur allmählich das theologische und das vorwiegend erzieherisch thätige Element aus den höheren Lehranstalten immer mehr, es siegt auch das junge Geschlecht vollständig über das ältere.

Die Neuhumanisten beherrschten also mit ihrem Ideal die ganze Linie; begeistert verfolgten und erreichten sie ihr Ziel, die Jugend einzuführen in den Geist des klassischen Altertums und dabei gewandte schriftliche und mündliche Anwendung der lateini- schen Sprache zu vermitteln, der griechischen, nebenbei bemerkt, nur, soweit dies einzelne, niemals alle Schüler ebenfalls erreichen konnten.

Der Geist des klassischen Altertums faſst sich aber zusammen in dem Bestreben, die edle schöne Menschlichkeit herauszubilden.

Nur sollte jetzt dies rein geistig erreicht werden, oder noch genauer nur auflitterarischem beziehungsweise sprachlichem Gebiete.

In dem Maſse aber die Begeisterung nachlieſs oder sich mit dem Aussterben jener Generation der Friedrich August Wolf, Böckh, Thiersch, Döderlein nicht auf ihre Nachfolger vererbte, trat allmählich das philologisch-grammatische Element immer mehr hervor und verdrängte jenes, wie wir sahen, so schon einseitig gefärbte Ideal der Vorgänger. Die höheren Schulen, d. h. hier die Gymnasien, erhielten den exklusiv philologischen Charakter, als ob sie Vorbildungsanstalten für Philologen wären, und für gebildet galt nur, wer aufser Latein auch Griechisch gelernt hatte, während noch der begeistertste Verehrer des klassischen Altertums, F. A. Wolf, in seinem Gutachten für die philosophische Fakultät zu Halle Griechisch als obligatorisch nur für die künf- tigen Theologen und Lehrer an Gelehrtenschulen verlangt(i. J. 1803).

Man vergleiche darüber das zur Einführung in die zuletzt behandelte Frage allein entscheidende Werk von PaulsenGe- schichte des Gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. Mit besonderer Rücksicht auf den klassischen Unterricht. Leipzig, Veit u. Comp. 1885.

Es dürfte angezeigt sein, an dieser Stelle die Bedeutung des einschneidend wirkenden Werkes hervorzuheben.

Um jede Möglichkeit einseitiger Färbung auszuschlieſsen, gestatte ich mir auf die Kritik des Werkes durch den begeistertsten Verehrer des klassischen Gymnasiums, Dr. Heinrich Weber, im Maiheft der Preuſsischen Jahrbücher von 1888 hinzuweisen, die ich im Sommer des genannten Jahres einer Beleuchtung unterzog und in der Festschrift der Realschule zu Bingen a. Rh. im Februar 1889 veröffentlichte.

Aus der von begeisterten Verehrern des klassischen oder humanistischen Gymnasiums selbst geübten Kritik sehen wir, wie wenig es die eigenen Anhänger befriedigt, wie gefährlich über-

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