Die geschichtliche Entwicklung der pädagogischen Ansichten etc. 3
Tapferkeit und Vaterlandsliebe eroberten die Römer die alte Welt, mit ihrer Todesverachtung die Germanen das römische Reich.
Doch sind wir nicht nur auf der Erde, um zu streiten und zu erobern.
Das Christentum stellte ein ganz anderes Ideal auf, das über den Kampf um diese Erde hinauswies auf ewige Seligkeit, auf Erlösung von der Sünde durch Jesus, auf Erziehung aller Menschen zum Reiche des Friedens und Gottes.
So konnte es auch in seinem Erziehungsideal der körper- lichen Seite nur geringen Raum anweisen und hatte dies bei dem noch so vorherrschend kriegerischen Sinn der neu in die Ge- schichte eintretenden Germanen nicht nõtig. Verdeutschte doch angeblich der groſse Bischof Ulfilas seinen Goten die beiden Bücher der Könige nicht, um diesen kriegerischen Sinn nicht noch zu steigern.
„Erst Tugend, dann Bildung“ ist das Losungswort eines der altchristlichen Väter(Johannes Chrysostomus).
Die uns berührende Frage war jedoch für die jungen germa- nischen Völker, wie sich aus obigem ergibt, von selbst gelöst und blieb es, so lange jeder freie Deutsche seinen Stolz darein setzte wehrhaft zu sein und als Knappe oder Ritter oder auch als Bürger der Vaterstadt sich im Kampfe zu bewähren.
Erst mit der Vernichtung dieses wehrhaften Sinnes durch den dreiſsigjährigen Krieg muſs auch die neue Erzeugung solches Sinnes wieder in die Aufgabe der Erziehung hereingezogen und der Gymnastik wieder Raum gewonnen werden.
Obwohl Luther Leibesübungen und Ritterspiel mit Fechten und Ringen betonte, glaubten seine Zeitgenossen, die alten Humanisten, ein genügendes Bildungsideal aufzustellen, wenn sie die Sprache des alten Rom wiedererweckten und die klassische Litteratur(in lateinischer Sprache) fortsetzten.
Erst der Engländer Locke(1632—1704) verlangt wieder Leibesübung in freier Luft, der französische Genfer Rousseau (1712— 1778) fordert, daſs auch dem Körper sein Recht werde und man dem Kinde Jugendlust und Jugendfreiheit nicht ver- kümmere. Ihnen folgen die Philantropen: Basedow(1723—1790) zieht die Folgerungen aus den Ansichten beider für den Unter- richt, Campe verbreitet sie, Salzmann gönnt der Gymnastik und dem Turnen unter Gutsmuths Raum in seiner Erziehungs- anstalt.
Vergebens aber suchen wir, abgesehen von wenigen Aus- nahmen, bei den Zeitgenossen dieser Männer, den berühmten Neuhumanisten, eine energische Betonung des Elementes der Körperpflege- und Bildung.
Hier tritt uns nun eine ähnliche Kluft und Lücke entgegen, wie bei der Verpflanzung des altgriechischen Bildungsideals auf die späteren Zeiten.


