Aufsatz 
Die geschichtliche Entwicklung der pädagogischen Ansichten über die Körper- und Charakterbildung
Entstehung
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8 Dr. O. Schneider: Die geschichtliche Entwicklung etc.

alles, was das Altertum sich zu Zielen der Bildung erwühlen konnte.

Ahnlich äuſsert sich Wiese 1876, also 26 Jahre später, im zweiten Teile seinerDeutschen Briefe über englische Er- ziehung:

in der Läuterung und Befestigung des Willens liegen die Aufgaben der EPäidagogilk. Darüber daſs hierin, d. h. in der Heran- bildung freier und selbständiger Persönlichkeit, Shule und Haus Hand in Hand gehen müssen, und daſs deshalb das Lernen nicht die Hauptsache bei der Erziehung sein kann, ist man in England von Jeher einverstanden gewesen. Die neuere Entwicklung des öffentlichen Schullebens nimmt eine andere Feichtung, aber in den alten und den ihnen nachgebildeten public schools ist derselbe piida- gogische Gedanke noch immer vorherrschend und fruchtbaurs.

Es ist nun bekannt, welch gewaltigen Einfluſs in der eng- lischen Erziehung die Jugendspiele und Leibesübungen auf Körper-, Kraft- und Charakterbildung üben.

Auch wir können die energische Ausbildung des Körpers und des Charakters nicht hinausschieben, bis der Jüngling in das deutsche Heer eintritt, diese groſsartige Einrichtung, der wir noch in erster Linie Wehrhaftigkeit des Volkes und nationale Wieder- geburt verdanken.

Wie der nationale Aufschwung Preuſsens im Jahre 1813 sich durch innere Läuterung vorbereitete und durch Kant und Schiller, Herder und Goethe, Humanisten und Pestalozzi ver- tretene geistige Strömungen ihn ermöglichten, die unbeugsame Willenskraft und Charakterzähigkeit aber eines Blücher erst zum Siege führte, so hat zwar auch die deutsche Schule ihren Anteil an der von uns Alteren mit erlebten groſsen Zeit, Charak- tere aber wie Kaiser Wilhelm und Fürst Bismarck waren nötig, um dem erst geistig genährten Gedanken von der deutschen Ein- heit Körper zu verleihen und ihn aus dem Reiche des Ideals und der Träume durch das wie festes Eisen geschmiedete Werk- zeug des preuſsisch-deutschen Heeres greifbar zu gestalten und zu verwirklichen.

Jede Reform der Schule muſs fortan mit den Worten des jetzigen Kaisers im Erlafs vom 13. Februar über die weitere Ausgestaltung und Vertiefung der Lehraufgabe des Kadetten-Corps rechnen:Zweck und Ziel aller, namentlich aber der militärischen Erziehung ist die auf gleichmäſsigem Zusammenwirken der körperlichen, wissenschaftlichen und religiös-sittlichen Schulung und Zucht beruhende Bildung des Charakters.

Mögen dem Enkel des groſsen Kaisers Wilhelm I. seine Bestrebungen, auch die Schäden der Schule zu heilen, zum Wohle Deutschlands und seiner Jugend gelingen.

(Separat-Abdruck aus demCentral-Organ für die Interessen des Realschulwesens, 1890, Heft