Die geschichtliche Entwicklung der pädagogischen Ansichten etc. 7
Uber die Vorzüge des englischen höheren Unterrichts- und Erziehungswesens sollte nun, wie über seine Schattenseiten, gar keine Meinungsverschiedenheit möglich sein im Hinblick auf den berufensten Kenner des preufsisch-deutschen wie des englischen Schullebens, den Wirkl. Geheimrat Dr. Wiese, den langjährigen Leiter des preuſsischen höheren Schulwesens, den Organisator der Lehranstalten im wieder für Deutschland gewonnenen Reichsland Elsaſs-Lothringen.
Seine Jugend berührt sich noch mit dem Enthusiasmus der Neuhumanisten, der Wiedergeburt Preuſsens und der von Pesta- 10zzi ausgehenden Anregung. Von 1852—1875 gehörte er dem preuſsischen Kultusministerium an, und so fällt das Urteil des durch Gelehrsamkeit wie lauteren reinen Charakter gleich aus- gezeichneten Mannes schwer in die Wagschale.
Wiese falst aber sein Urteil über englische Erziehung wesentlich in folgenden, 1850 an seinen Freund Abeken gerichteten Worten zusammen:
„Durch seine Abstammung und durch die Natur seiner „geographischen Lage ist das englische Volk von Hause aus auf „eéein thätiges Leben, auf Regsamkeit nach auſsen hingewiesen. „So ist auch der Charakter ihrer Jugendbildung leicht erklärlich. „Sie hat mehr eine kräftig entwickelte Individualität als einen „groſsen Umfang des Wissens zum Ziel: im Handeln lassen wir „uns weniger bestimmen durch das was wir wissen, als durch „das was unmittelbar den Willen in Bewegung setzt“, ſder Charakter ist die Gewohnheit in einer bestimmten Weise zu „wollen,]„weniger durch Kenntnisse als durch Uberzeugungen, „durch anerzogene Sitte und bestimmte Richtungen des Gefühls. „Darum tritt in England der Unterricht zurück hinter der Er- „Ziehung, diese aber, wesentlich durch die historisch gegebenen „Verhältnisse des Vaterlandes bestimmt, hat ein festes heimat- „liches Gepräge und, wie es alle öffentliche Erziehung soll, einen „nationalen Charakter, durch den sie fähig wird, Staatsbürger „heranzubilden.
„Der Unterricht als solcher ist mit vielfachen Mängeln be- „haftet; denn gibt es dort auch mehr Brauchbarkeit des Erlernten, „weniger unfruchtbare Gelehrsamkeit und falschen Schein des „Wissens, so ist doch im allgemeinen das Lernen in den eng- „lischen Schulen ohne den wissenschaftlichen Geist, der die „deutschen Schulen der Mehrzahl nach noch durchdringt.
„Märe es möglich, das deutsche Streben nach idealer Bildung „und deutsche Wissenschaftlichkeit mit englischer Charakcterbildung „eu vereinigen, so wäre damit ein Ndeal der Jugendbildung erreicht, „wwelches christliche Zeiten noch nicht in der Wirklichkeit gesehen „Naben, und das vielleicht nur einmal erreicht worden ist, in den „besten Zeiten von Hellas, das aber in dem Grade immer schawieriger „eu erreichen wurde, als der Geist des Christentums höher ist als


