Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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Dalfs ein Heorrenda Sänger der Heodeninge ist, scheint ganz und gar auf die Hildesage zu deuten, und da die Deérs Klage spätestens dem 8. Jahrhundert entstammt, würde somit Horants Gesang schon für eine sehr frühe Entwicklung der Hildesage bei den Angelsachsen vorauszusetzen sein. Nun wird Hjarrandi in der Snorra Edda als Vater Hedins bezeichnet, und da Hjarrandi ein Beiname Odins ist, Odin aber auch der Gott des Gesanges ist und der Gesang Horants durch die Stelle in Deôrs Klage, die deutsche Hildesage, und eine polnische Fassung der angeblich mit der Hildesage identischen Walthersage bezeugt werde, so hat Klee p. 12 vermutet, dafs in der ältesten Gestalt der Sage Hjarrandi-Odin seinem Sohn Hedin bei der Entführung der Hilde durch zauberhaften Gesang behülflich war; für die angelsächsiche Sage wäre freilich, da hier Heorrenda der Dienstmann der Heodeninge ist, eine der ursprünglichen Fassung gegenüber schon weitergehende Wandlung anzunehmen. Aus den Belegen für IIorants Gesang ist die polnische Fassung der Sage von Walther und Hildegunde wohl zu streichen; denn erstens ist es sehr fraglich, ob selbst die deutsche Hildegundesage identisch ist mit der polnischen; zweitens ist meines Wissens noch nicht nachgewiesen, dafs die Hildegundesage altheimisch bei den Polen war und sich bei ihnen selbständig entwickelt hat; so lange das aber nicht nachgewiesen ist, hat alle Wahrscheinlichkeit für sich die Annahme, dafs die Hildegundesage den Polen durch fahrende Sänger überbracht worden und durch deren Einfluſs erst Walthers Gesang in die Sage eingedrungen ist. Es stehen also das deutsche Epos und die Stelle in Deörs Klage gegen die entschieden altertümlicheren Fassungen der Snorra Edda und des Saxo, die von Horants Gesang nichts wissen. Martins Ansicht(Einleitung zu seiner Ausgabe p. XXXVI), Horants Sangeskunst sei vielleicht nur um der Kürze willen nicht erwähnt, kann ich mich nicht anschliefsen; ein Berichterstatter wie Snorri, der ausführlich den Sühneversuch der Hilde sowie Högnis und Hedins erstes Zusammentreffen in Rede und Gegenrede schildert, würde IIjarrandi-Odins Gesang sicherlich erwähnt haben, falls er ihn in seinen Liedern vorgefunden hätte. Er hat ihn aber jedesfalls nicht vorgefunden. Eine wie unwürdige Rolle würde auch durch die Annahme der Ursprünglichkeit dieses Zuges dem Odin zumal in der oben nachgewiesenen ältesten Fassung der Sage zugeteilt werden! Der Allvater Odin, vor dessen Zorn die Walkyrien bangen, sollte nach Art eines Minnesängers durch süfse Lieder die spröde Walkyrie für seinen Sohn zu gewinnen versucht haben!? Wie ärmlich mufs der Göttersohn gewesen sein, der seinen Vater nötig hat bei der Werbung um eine Jungfrau! Die offenbare Unmöglichkeit, eine Situation zu finden, in welcher Odin als Sänger zur Unterstützung seines Sohnes auftreten kann, liefert den Beweis für die Unhaltbarkeit der Vermutung Klees; sie wird um so eher aufgegeben werden müssen, wenn es gelingt, das aus dem angelsächsischen Gedicht entnommene Zeugnis als keineswegs unanfechtbar zu erweisen. Dies Gedicht beginnt damit, dafs es die Mühsale und Leiden schildert, welche der Schmied Wieland, von Nidhad in harter Gefangenschaft gehalten, zu erdulden hat; die Erzühlung schliefst der Dichter ab mit der Mahnung: jener überwand sein Leid, lerne deshalb auch deines tragen. Sodann redet er von dem Kummer, der Bodhilde, die von Wieland geschändete Tochter des Nidhad, bedrückte, um abermals mit den Worten zu schliefsen: jene überwand u. s. w. Weiter zeigt er an den Beispielen der Goten, des Theoderich, des Ermanrich, wie Leid mit Freude, Glück mit Unglück wechselt, immer jenen Refrain als Trost für sich selbst hinzufügend; endlich geht er mit den oben zitierten Versen auf sich selbst über. Eine natürliche Auffassung des Gedichts wird nicht zweifeln, dafs der Verfasser des Gedichts jener Deoér ist, der von seinem Nebenbuhler Heorrenda aus seinem Amte vertrieben ist, eine Auffassung, die der erste Herausgeber des Gedichts Conybeare(Illustrations of Anglo-Saxon poetry p. 242) vertritt, der auch Martin zu huldigen scheint, wenn er(p. XXXVI) sagt:Hier klagt Deör u. s. w., die endlich dem Engländer Haigh(the Anglo-Saxon Sagas p. 101 104) bei der Behandlung dieses Gedichtes für ausgemacht gilt. Ten Brink freilich(Englische Litteratur- geschichte I, 76 u. 77) hält den Deör nicht für den Dichter, sondern ihm ist Deörs Klage eine Fiktion, dem Sünger Deér, einer Gestalt der epischen Zeit, in den Mund gelegt. Gegen diese nicht natürliche Auffassung scheint vor allem eins zu sprechen: wenn der Dichter mit den Beispielen aus der Sage gezeigt hat, wie jedes Leid ertragen werden kann und schliefslich ein Ende nimmt, wenn er dann berichtet, wie ein Sänger durch den Verlust seines Amtes in schweres Leid versetzt worden sei, so ist dies ein so spezielles, so persönliches Motiv, dafs schwer ersichtlich ist, wie jemand dazu gekommen sein sollte, gerade dies zu erfinden. Nun könnte man sagen, der unbekannte Dichter habe das von ihm erwühnte Geschick wirklich erlitten und seine Gefühle dem Deér, einem berühmten Sünger der Vorzeit, in den Mund gelegt, aber abgesehen davon, dafs diese Annahme eine sehr künstliche Voraussetzung hat, so ist es seltsam, daſs von Deér, dem Säünger der Heodeninge, der in dem Gedichte die wichtigste Person ist, nirgends sonstwo etwas in Erfahrung zu bringen ist, während der andere Sänger derselben Heodeninge in so helles Licht gesetzt ist. Ten Brink ist zu dieser künstlichen Deutung deshalb gekommen, weil er einsah, dafs nur bei Annahme einer Fiktion aus den Schlufsversen von Deörs Klage ein Zeugnis für die Hildesage zu gewinnen sei. Bei einer schlichten, ungekünstelten Interpretation ergiebt sich, dals in Deér der Dichter und damit eine historische Person zu erkennen ist; ist aber Deér eine historische Persönlichkeit, so folgt das gleiche für Heorrenda, für die Heodeningen. Nun hat aber die Untersuchung über die älteste Gestalt der Hildesage gezeigt, dafs Hedin und die Hjadningen mythische Persönlichkeiten sind; wie kann also in Deérs Klage ein Zeugnis für die Hildesage gefunden, da doch