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Entführung der Hilde eine neue Entführungssage frei erdichtete, sollte man nicht empfunden haben, dals es weit poetischer gewesen wäre, dem ungeliebten Entführer den geliebten Bräutigam als Befreier gegenüberzustellen? Auch in diesem Fall hätte Zeit für die Leiden der Kudrun gefunden werden können durch eine Verwundung, die derselbe in der ersten Schlacht erlitt, durch den Verlust zahlreicher Mannen und die Notwendigkeit neuer Rüstungen. Somit scheinen der eigentlichen Kudrunsage ebenso wie der Herwigsage historische Ereignisse zu Grunde zu liegen, die sich zur Zeit der Wikingerzüge ursprünglich in engen Verhältnissen abgespielt haben, dann aber als leuchtende Beispiele treuer Geschwister- und Gatten- liebe in immer weiteren Kreisen bekannt wurden und durch das geheimnisvolle Weben der rührig schaffenden Phantasie des Volkes mit dem verklärenden Schleier der Poesie umgeben wurden.
Als Resultat der Untersuchungen über das Epos ergiebt sich somit: die Hildesage, ursprünglich mythischen Charakters, hat spätestens im Laufe des 11. Jahrhunderts sich verbunden mit der Kudrun- Herwigsage; diese letztere ist entstanden aus der Kontamination zweier sagenhaft ausgeschmückten Erzählungen von wahrscheinlich historischem Charakter ¹); im 12. Jahrhundert wurde der so entstandenen Hilde-Kudrunsage die frei erdichtete Sage von Hagens Jugend vorgesetzt.
Für die auf das mhd Epos folgende Zeit des 13. Jahrhunderts wird die Bekanntschaft desselben bei den Dichtern durch Anspielungen derselben bewiesen. In dem Weinschwelg v. 67 ff.(Vernaleken, Germania III, 218) wird das Tönen und Singen eines edlen Weines im Gehirn eines Zechers mit dem Gesang Horants verglichen; im Wartburgkrieg wird von Wolfram von Eschenbach gesagt:
dôo sach man den von Eschilbach als man Horanden vor der künigin Hilde sach.
Der lyrische Dichter Boppe, der um 1280 lebte und in Basel seine Heimat gehabt zu haben scheint, stellt ähnlich, wie in Salomon und Morold geschehen war, die Weisheit Salomos, die Schönheit Absalons und den Gesang Horants zusammen.
Im 13. und 14. Jahrhundert endlich scheint die Sage von Hilde und Kudrun— vielleicht von Steiermark aus, vgl. p. 14— sich in Tirol verbreitet zu haben, wie aus dem Vorkommen der Namen Gerwig(= Herwig) und Horant ersichtlich ist(vgl. Zingerle, Die Personennamen Tirols, Germania I, 293). Tirol ist schliefslich das Land, dem die Kenntnis des mhd Epos verdankt wird; hier hat ja auf Anregung des Kaisers Maximilian der Zolleinnehmer Hans Ried zwischen den Jahren 1502 und 1515 das heldenpuch zusammengestellt, welches die einzige Quelle für die Kenntnis des Epos ist.
ExXKurs I.
Ein sehr altes Zeugnis für das Vorhandensein der Hildesage bei den Angelsachsen hat man nach dem Vorgange W. Grimms gefunden in folgender Stelle von„Deérs Klage“:
sagen will ich Dafs ich einst war der Heodeninge Dichter Dem Fürsten wert. Ich war Deér genannt. Viele Jahre hatt' ich gutes Amt, Holden Herrn, bis Heorrenda, Der liederkundige Mann, das Gut empfing, Das mir der Edlen Zuflucht vordem gegeben hatte.
¹) Dies Ergebnis liefert den Mafsstab für die Beurteilung des Verhältnisses, in welchem die in der Thidreks- sage c. 233— 239 und im Biterolf p. 6459 ff. erzühlte Herburtssage zur Hildesage steht. Diese beruht allem Anschein nach nicht auf alter Volkssage, sondern ist eine freie Erdichtung, die vielleicht erst aus dem 13. Jahr- hundert stammt. Beweis dafür sind die grofsen Verschiedenheiten in einzelnen Umständen; in der Thidrekssage heifst die Entführte Hilde, im Biterolf Hildeburg; dort ist der Vater Artus von Bertangaland, hier Ludwig von Ormanie. Und wenn als dessen Sohn Hartmut genannt wird, so zeigt dieser Umstand deutlich, dafs dem Erfinder der Herburtsage die kontaminierte Kudrun-Herwigsage oder vielleicht schon das Epos vorlag.
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