Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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der deutschen Hildesage, zuerst in dem angelsächsischen Wandererlied neben Hagen und Hetel auftrat, dals er, wie Müllenhoff bei Haupt nachgewiesen hat, ein besonders in den angelsächsischen Sagen auftretender Meerriese war. Und zwar scheint die Hildesage zu der Zeit von England nach Deutschland gekommen zu sein, als die Dänen dort herrschten; so würde sich's erklären, dals Hetel König der Dänen heilst, sein spezielles Land aber den nichts besagenden Namen Hegelingenland führt und Horant Herrscher in Dänemark ist(vgl. hierzu Wilmanns p. 269). Im Gegensatz zur Hildesage scheint die Kudrunsage auf der festländischen Nordseeküste ihre Heimat zu haben; der Name Normanie ist so eng verbunden mit dieser Sage, dals ein Zweifel an dem ursprünglichen Vorkommen in derselben wenig berechtigt ist; unter Normanie ist aber sicherlich die bekannte, von einem germanischen Stamm bewohnte Landschaft an der Nordküste Frankreichs zu verstehen. Als nun die aus England herübergebrachte Hildesage sich in Deutschland mit der Kudrunsage verband, fanden sich in dieser Dichtung zwei allerdings weit voneinander gelegene Länder des Festlandes vor, die Normandie und Dänemark, und man mochte sich, je mehr die beiden Sagen zusammenwuchsen und je mehr bei längerer Bekanntschaft das Gefühl für die angelsächsisch- dänische Herkunft der Sage schwand, versucht fühlen, noch weitere örtlichkeiten nach den bekannten Gegenden der deutschen Nordseeküste zu verlegen. Der Name der Grenzmark Waleis klang an die Waal an. Der Name Hedensee oder Heidensee, den die westliche, zwischen Wülpen und Walchern strömende Mündung der Schelde trug, schien hinzuweisen auf Hedin= Hetel¹), und die Schlacht, welche Hetel gegen den nachsetzenden Hagen schlägt, wurde deshalb verlegt nach dem nahen, durch eine Urkunde aus dem Jahre 1190 noch jetzt nachweisbaren Wülpenwert(vgl. Lamprecht Alexander); wohl erst später, als diese Schlacht mit einer Versöhnung abschloſs und an Interesse verlor, hat man den bedeutungsvolleren Kampf des Hetel gegen Hartmut und Ludwig dorthin verlegt, vielleicht zur selben Zeit, als der Name der normannischen Burg Kassiane in die Dichtung eintrat, welcher merkwürdige Xhnlichkeit hat mit einem gleichfalls in jener Urkunde erwähnten Orte Cadsand. Der Seekönig Herwig ²) wurde ein König von Seeland, dem Wate ³) gab man die mark ze stürmen, d. i. das Land der Sturmi, die in der Gegend von Verden saſsen, Irold drang mit den Friesen ein, und das Epos, welches ja den Abschlufs dieser Entwicklung darstellt, denkt sich Hetels Reich jedesfalls auch in Norddeutschland; denn Hartmuts Boten wie Horant von Dänemark und Fruote gelangen in dasselbe zu Pferde; Irland allein ist nach der in dieser Hinsicht durchaus klaren geographischen Vorstellung des Epos nur zu Schiff zu erreichen.

Zum Schluſs ist noch Stellung zu nehmen zu der Frage, in welchem Verhältnis die Kudrunsage zu der Hildesage steht. Bevor Wilmanns die Kontamination der eigentlichen Kudrunsage und der Herwigsage entdeckt hatte, standen sich zwei Auffassungen gegenüber: die eine sah in der Kudrunsage die sagenhafte Ausdichtung eines historischen Ereignisses, die äufserlich an die Hildesage herangetreten sei, die andere eine Verdoppelung der Hildesage, welche spontan aus ihr hervorgegangen sei, ähnlich wie sich in dem deutschen Tierepos eine Verdoppelung derselben Handlung nachweisen läſst. Die Beantwortung der Frage ist seit Wilmanns' Entdeckung sehr erleichtert. Vergleicht man nämlich die von der Herwigsage losgelöste Kudrunsage mit der Hildesage, so ergiebt sich, daſs auſser der Entführung und der Verfolgung des Entführers nichts Übereinstimmendes zwischen beiden vorhanden ist. In der Hildesage folgt die Jungfrau dem Geliebten gern, in der Kudrunsage wird sie durch den ungeliebten Freier wider Willen davon geführt; dort ist der Vater ihr Feind, hier hofft sie von Vater und Bruder Errettung. Allerdings finden sich groſse Wandlungen auch in anderen Sagen, aber eine so völlige Verwandlung ins Gegenteil ist doch kaum nachzuweisen und schwer als Verdoppelung derselben Sage begreiflich. Und besonders der Umstand, daſs der Bruder als derjenige genannt wird, der die Schwester zurückführt, giebt Veranlassung, in der eigentlichen Kudrunsage ein historisches Ereignis zu sehen. Denn im Falle man analog der

¹) Vgl. J. Grimm in Haupts Zs. II, 4. ²) Vgl. Wilmanns p. 221 ff. ³) Vgl. Müllenhoff in Haupts Zs. VI, 62.