Dann hebt sie seine nahe Verwandtschaft zu Hetel hervor:
daz ist Hôrant dâ her von Teneland. sin muoter diu was swester Hetelen des richen. welt ir's im getrouwen, 80 sult irm in dem sturme niht entwichen.
Wer ist denn da der Führer? Wate doch nicht? Es ist ganz klar, die Szene setzt eine Gestalt der Sage voraus, in der Horant an der Spitze des Unternehmens stand. Ihm werden die Mannen verpflichtet, er vertritt die Stelle seines Königs. Dieselben Verhältnisse läfst die entsprechende Strophe in der 27. aventiure erkennen. Als Ortwin verwundet ist, giebt Horant das Banner aus der Hand, um ihn an Hartmut zu rächen. Wer das erfand, kann nicht die Absicht gehabt haben, dafs Horant in gleicher Weise heimgeschickt wird wie Ortwin und Hartmut nun für lange Zeit aus dem Auge des Hörers verschwindet. Die Ausdrücke der Dichtung in str. 1421— 1423 deuten noch ganz bestimmt darauf hin, daſs mit Horants Auftreten der entscheidende Schlag sich vorbereitete und dafs er ihn führte. In str. 1421 heiſst es:
dôo gap daz Hilden zeichen von im der degen guot daz er wol kunde bringen nàch maniger grôzen êre ze schaden sinen vinden.
und dann in der folgenden Strophe:
Hartmuot bi im horte ungefüegen schal. er sach daz bluot rilichen vliezen hin ze tal vil manigen ùz den wunden nider zuo den vüezen.
Ein Held, der die Feinde so vor sich niedermäht, wird Hartmut nicht so ganz ohne Schaden von sich haben kommen lassen, und ein Dichter, der so nachdrücklich Horants kriegerische Bedeutung hervorhebt, muſs einen grolsen Erfolg im Auge gehabt haben. Nach alter Dichtung fiel Hartmut von Horants Hand. Ortwin wurde geschützt, Hetel gerächt durch den Führer des Heeres, den nächsten Verwandten des Königshauses.“
Als nun der riesische Wate, dem schon Hetel hatte weichen müssen, in die Kudrunsage eintrat, da mulste ihm selbstverständlich Ortwin, aber auch Horant den Platz räumen; so kommt es, dals Wate in jener grolsartig-prächtigen Szene vor Hartmuts Burg den Befehl zum Beginn der Schlacht giebt, daſs auch Horants Kampf mit Hartmut resultatlos bleibt und dieser erst durch Wate bezwungen wird. Also Horant ist in der Kudrunsage gewesen vor ihrer Verbindung mit der Hildesage; der Fall, dals er erst nach Verbindung derselben, als schon Wate in die erstere eingedrungen war, gleichfalls in dieser Eingang gefunden habe, ist undenkbar; denn wie sollte man dazu kommen, wenn dem Ortwin in Wate schon ein kraftvoller Leiter des Kriegszuges zur Seite stand, ihm noch einen zweiten minder kraftvollen beizugeben? Somit ist für Horant in der Kudrunsage die feste Stelle gefunden, die für ihn in der Hildesage nicht zu entdecken war, und während Wate und Fruote aus der Hildesage in die Kudrunsage eindrangen, ist er umgekehrt aus der letzteren in die erstere eingetreten. Für die Herkunft des Irold und Morung ist auch aus dem dritten Teil des Epos kein Anhalt zu gewinnen.
Fragen wir nach der Heimat der deutschen Hildesage, sowie der Kudrun- und der Herwigsage, so scheint eine Betrachtung der Ortsnamen zu ergeben, daſs die Hildesage den Deutschen von ihren Stammverwandten in England übermittelt worden ist. Dafür spricht Hagens Reich Irland, in dem sicher die britische Insel zu sehen ist; Waleis, ein Hetel unterthanes, von Irland durch das Meer getrenntes Reich, wird man dem entsprechend geneigt sein mit Wales zusammenzubringen; dazu stimmt, dafs Garadè oder Karade Hagens Nachbarland, mit dessen Herrscher er in Feindschaft lebt, sicherlich wiederzufinden ist in Kardigan, einem Landstrich in Wales, und Baljan, Hagens Schloſs, viel Khnlichkeit zeigt mit der in Irland häufigen Ortsbezeichnung Ballyghan. Auch ist zu bedenken, dals Wate, der gröſste Held in


