Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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Da Kudrunsage und Herwigsage in den zwei wichtigsten Momenten, dem Raube der Jungfrau und ihrer Zurückführung übereinstimmten, so ist das Bestreben, beide mit einander in Verbindung zu setzen, leicht erklärlich. Die neue, aus dieser Verbindung hervorgegangene Sage erfuhr eine weitere Ausdichtung, als sie mit der Hildesage in Verbindung trat. Dort standen neben Hetel der kluge Fruote und als mächtigste Persönlichkeit die des alten Wate. Bei dem versöhnlichen Ende, welches die Schlacht gegen Hagen auf dem Strande zu Waleis genommen hatte, war es unmöglich, deren Wirksamkeit zugleich mit der Hildesage abzuschlieſsen, sie traten naturgemäſs aus dieser in die Kudrunsage. Bewiesen wird dies für Fruote durch seine völlige Bedeutungslosigkeit im dritten Teil des Epos. Während er im zweiten Teil durch das Motiv, wonach er als Kaufmann die Werbung und Entführung vollzieht, eine feste Stellung erlangt hat, tritt er im dritten Teil nur an solchen Stellen auf, die entweder Nebensächliches enthalten oder späte Zudichtung sind; so nach der Schlacht auf dem Wülpensand, wo er mit merkwürdig feinem Spürsinn erkennt, daſs die Normannen schon über dreilsig Meilen entfernt sind; ferner bei der märchen- haften Fahrt zum Magnetberg, endlich am Schlusse des Epos, als für Ortwin, Hartmut und Siegfried von Morland Frauen beschafft werden. Wie Wate in der Hildesage den Hetel in den Hintergrund drängte, so bewirkte er durch seinen Eintritt in die Kudrunsage, daſs auch die Bedeutung Ortwins und Horants eine geringere wurde. Horant scheint nämlich seine ursprüngliche Stelle in der Kudrunsage neben Ortwin gehabt zu haben; dieser wird im Epos bei Antritt des Zuges nach Normanie noch als durchaus jugendlich gedacht(str. 1096 u. Anm. Ausgabe von Martin); eine freilich interpolierte Strophe(1113, 2) giebt sogar sein Alter zu Beginn des Rachezuges auf erst zwanzig Jahre an(eine Angabe, die dazu zwingt, in seiner Teilnahme an dem Feldzuge gegen Siegfried von Morland und der Schlacht auf dem Wülpenwerde eine sehr junge Zudichtung zu sehen). Um nun zu verhindern, dafs der jugendliche Held dem kriegsgeübten Hartmut gegenüber nicht unbedeutend erscheint, hat man ihm wohl schon vor der Verbindung der Kudrunsage mit der Hildesage einen gewaltigen Recken in Horant zur Seite gestellt. Ortwin und Horant bestanden demzufolge den Hartmut; und es ist gleichfalls Wilmanns' Verdienst, Reste dieser Anschauung noch im Epos nachgewiesen zu haben, wenn er p. 228 schreibt:Wo Hilde den Sohn dem Schutze ihrer Mannen empfiehlt, übergiebt sie Horant das Landeszeichen und ermahnt die Krieger, treu zu ihm zu

stehen(1111): volget minem vanre, der kan iuch daz beste wol geléren.

überhaupt nicht mafsgebend sein; sonst würe es undenkbar, dafs an zwei Stellen erklärt wird, der König, der berufenste Vertreter dieses Prinzips, habe den werbenden Hiluge unterstützt. Ebenso wenig als von dem geringen Stande des Hiluge ist in der Ballade die Rede von einer Verlobung desselben mit der Hildina vor Beginn des Kriegszugs; es bleibt also nur die Khnlichkeit übrig, dafs die Entführung eerfolgt, wührend der Vater abwesend ist. Aber auch bei Snorri, Saxo Grammaticus und im Sörla thättr ist er abwesend; freilich hat er ebenso wie in der Kudrun den Freier seiner Tochter bei sich. Aber Hiluge ist, wie oben gezeigt, in dem ersten Teil der Ballade völlig Nebenperson, in der Kudrun-Herwigsage ist er Hauptperson. In der Ballade ist er der gehafste, abgewiesene Freier, in der Kudrunsage der Geliebte. Dort wird endlich der geliebte Entführer erschlagen, hier der gehalste. Also kein völlig übereinstimmender Zug der Ballade mit der Kudrun-Herwigsage, und sieben völlig übereinstimmende mit der Hildesage: und doch die Ballade nicht Hildesage sondern Herwigsage! Gerade die Gegensätzlichkeit der Motive in der Herwigsage gegenüber denen der Ballade beweist nach Wilmanns p. 226 und Symons p. 46 die Identität beider: in dem Epos sei es ganz unmotiviert, dafs Herwig die Braut nicht sogleich heimführe. Das wahre Motiv habe die Ballade bewahrt: die Abneigung des Mädchens gegen den Werber. Die Umgestaltung ins Gegenteil sei eine Folge der Verbindung, welche die Herwigsage mit der Kudrunsage eingegangen sei. Aber in dem Epos ist das Jahr, welches Herwig bis zur Hochzeit warten muſs, offenbar eine sehr späte Erfindung; ursprünglich sind sicher alsbald nach der Aussöhnung Herwigs mit Hetel und Kudrun die Vorbereitungen zur Vermählung erfolgt. Ist es nun nicht denkbar, dafs mitten in diese Vorbereitungen der Einfall eines Feindes in Hetels oder Herwigs Gebiet erfolgte, der beide Fürsten sofort in den Krieg trieb und die Hochzeit hinausschob? Ich denke, es ist sogar ein durchaus poetischer Gedanke, dafs Herwig, so nah am Ziele schon angelangt, noch einmal weit zurückgeschleudert wird. Dadurch also ist der Aufschub der Hochzeit vollauf motiviert, und damit fällt der letzte Anhaltspunkt, welchen der Versuch, die Herwigsage mit der Shetlandischen Ballade zu identifizieren, hatte.