— 21— Schlacht vor Hartmuts Burg nicht den Erwartungen, die man hegt. Man erwartet, Herwig als der Bräutigam solle an dem Nebenbuhler und Entführer Hartmut den Raub der Braut und Ortwin, der sohn, den Tod des Vaters Hetel an dem Mörder desselben Ludwig rächen; aber in der Schlacht besteht und erschlägt Herwig den alten Ludwig und— rettet Hartmut, mit dem vorher Ortwin gekämpft hatte, aus den Händen Wates. Ferner ist die Zweiheit der Entführer Hartmut und Ludwig auffällig, um so mehr, als einerseits Herwig in str. 1435 dem Ludwig, nicht dem Hartmut, vorwirft, er habe ihm seine Braut geraubt, andererseits in str. 1405, 3 der Tod Hetels dem Hartmut, nicht Ludwig zugeschrieben wird. Nach alledem muls man Wilmanns Recht geben, wenn er sagt(p. 223):„dals dies keine ursprüngliche Sage sein kann, muſs sofort jedem einleuchten, in dem natürliche Empfindung nicht ganz erstorben ist. So abnorme Gebilde können nur entstehen, wo verschiedene Sagen einschneidend aufeinander wirken oder miteinander verbunden werden. Auch erscheint es noch als möglich, eine ziemlich bestimmte Verstellung von den Sagen zu gewinnen, welche unsere Dichtung voraussetzt.
Ein doppelter Grund zur Fahrt nach Ormanie ist vorhanden. Herwig muſs die Verlobte heim holen, Hilde den Tod des Gatten rächen und die Tochter befreien. Es ist recht wohl denkbar, daſs die beiden jetzt eng miteinander verbundenen Motive, ursprünglich getrennt, in selbständigen Sagen vorlagen; und nur, wenn sie ursprünglich getrennt waren, erklärt sich der Gang unserer Dichtung. Daſs Herwig an dem Rachezuge der Königin Hilde ursprünglich keinen Teil hatte, darf man aus der Teilnahmlosigkeit, in der ihn noch unsere jetzige Dichtung läfst, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit folgern; und daſs der König, um dessen Tochter Herwig freit, ursprünglich nicht Hetels Reichtum an berühmten Helden hatte, läſst das Fehlen dieser Helden in der 12. aventiure vermuten. Man würde hiernach zwei Sagen folgender Grundgestalt anzunehmen haben:
1) Dem König(Hetel) von Hegelingen wird seine Tochter Kudrun(von Hartmut) entführt. Er setzt dem Räuber nach, holt ihn auf einsamer Insel(Wülpenwert) ein und fällt im Kampf(durch Hartmuts Hand) mit dem grölſsten Teil seines Volkes. Seine Gemahlin Hilde erwartet mit Sehnsucht das Heranwachsen eines neuen Geschlechtes, um den Tod des Gatten zu rächen und die Tochter zu befreien. Erst nach langen Jahren kann sie das Heer(unter Ortwin, ihrem Sohne) entsenden; die Feinde werden besiegt und Kudrun zurückgeführt.
2) Der Seekönig Herwig wirbt um die Hand einer mächtigen Königstochter. Er gewinnt sie im Kampf. Ehe er mit ihr vermählt ist, wird sie geraubt(durch Ludwig). Herwig verfolgt den Räuber, erschlägt ihn im Kampf und führt die Braut zurück“.
Die Kontamination beider Sagen erklärt alle aufgezeigten Schwierigkeiten. Die mächtige Königs- tochter der Herwigsage wurde identifiziert mit der Kudrun der ersten Sage. Die kriegerische Werbung Herwigs und die Entführung der Kudrun vor der Vermählung traten aus der zweiten Sage in die erste über, die Verfolgung und die Schlacht auf dem Wülpensande, der Tod Hetels und die Rüstungen der Hilde wurden aus der ersten Sage beibehalten, daher Herwigs nebensächliche Bedeutung in der Schlacht und seine Unthätigkeit während der Leidenszeit der Kudrun. In der Schlacht vor Hartmuts Burg sind beide Sagen nebeneinander erhalten: Herwig erschlägt den Entführer seiner Sage, den Ludwig, der zum Vater Hartmuts gemacht ist, und Ortwin besteht den Hartmut, den Mörder seines Vatersi).
¹) Einen Beweis für die Sonderexistenz der Herwigsage kann ich nicht finden in der p. 12 f. besprochenen Shetlandischen Ballade, welche Wilmanns p. 224 und Symons p. 15 und 16 nicht für identisch mit der Hildesage, sondern für identisch mit der Herwigsage halten. Oben ist gezeigt, daſs nicht, wie Symons will, drei sondern sieben Züge der Ballade in ihrer Folge und Zusammenstellung genau übereinstimmen mit der altnordischen Fassung der Hildesage, wie sie am reinsten bei Snorri erhalten ist; mit der Herwigsage stimmen nach Symons nur drei überein: „wie Hiluge in der Ballade ist Herwig der unebenbürtige Freier einer Königstochter; die Entführung findet vor der Vermählung statt, während Vater und Verlobter im Krieg abwesend sind; der Räuber wird erschlagen“. Aber jener Zug, wonach Hiluge als unebenbürtiger Vasall von der Hildina verschmäht wird, ist ja nirgends in der Ballade angedeutet, und dies streng sondernde Standesbewulstsein kann für die Handlungsweise der Personen in der Ballade


