Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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Wate war bekannt als riesiger Meeresdämon(Müllenhoff in Haupts Zeitschrift VI, 59 ff.): kein Wunder, dals diese beiden Persönlichkeiten und besonders der alte Wate den friedfertigeren Hetel zurückdrängte; den Hagen hat vor einem ähnlichen Schicksal offenbar die Härte seines Charakters bewahrt. Somit hat auch die auffallende Thatsache, daſs auf irischer Seite neben Hagen kein Held hervortritt, während neben Hetel sich allmählich deren fünf eingestellt haben, ihre Erklärung gefunden.

III. Mit der Hildesage, welche, wie gezeigt, mannigfache Wandlungen erlebt hat, i84 verbunden die Kudrunsage, dadurch daſs die Dichtung von Hilde und Hetel ein Kinderpaar, Kudrun und Ortwin, abstammen läſst. Dem Hetel und der Hilde stehen auch in diesem dritten Teil des Epos die Recken Wate, Fruote, Horant, Irold und Morung zur Seite. Sieht man von deren Thätigkeit und offenbar späten Zudichtungen wie der Fahrt der Hegelingen zum Magnetberg und der Prophezeiung durch den weissagenden Vogel ab, so ergiebt sich als einfachere Gestalt der Kudrunsage folgende¹): Um Kudrun, die Tochter des Königs von Hegelingen und seiner Gemahlin Hilde, werben zwei Freier, Hartmut von der Normandie und Herwig von Seeland. Beide werden von den Eltern zurückgewiesen. Herwig kündigt infolge dessen Krieg an und gewinnt im Kampfe mit Hetel durch seine Kühnheit das Herz der zuschauenden Kudrun. Sie trennt die Kämpfenden und wird dem Herwig verlobt. Aber noch vor der Vermählung, während Hetel seinen künftigen Schwiegersohn gegen Siegfried von Morland, welcher in dessen Land eingefallen ist, Hülfe leistet, wird Kudrun von Hartmut und seinem Vater Ludwig geraubt. Sobald Vater und Bräutigam

von der Entführung Kunde erhalten, setzen sie den Räubern nach und ereilen sie auf dem Wülpensande. Hetel fällt in der Schlacht von Ludwigs Hand, mit ihm wird der gröſste Teil seines Volkes erschlagen. In der Nacht ziehen die Räuber unbemerkt davon und führen Kudrun nach der Normandie. Dort beginnt für sie eine Zeit der bittersten Leiden und der tiefsten Erniedrigung. Zur Vermählung mit Hartmut ist sie jedoch nicht zu zwingen. Ihre Mutter erwartet inzwischen mit Sehnsucht das Heranwachsen eines neuen Geschlechts, um den Tod des Gatten zu rächen und die Tochter zu befreien. Erst nach langen Jahren kann sie das Heer entsenden. Ortwin, Kudruns Bruder, und Herwig, ihr Verlobter, ziehen mit; unter den übrigen Helden stehen Wate und Horant im Vordergrund. In einer schrecklichen Schlacht wird Ludwig von Herwig erschlagen, Hartmut unterliegt fast dem ergrimmten Wate, aber Herwig rettet ihn auf Kudruns Bitte aus seinen Händen. Die Feinde werden besiegt, Kudrun zurückgeführt und mit Herwig vereinigt. Dem denkenden Leser fällt in dem Berichte des Epos über die Ereignisse nach der Schlacht auf dem Wülpensande auf, daſs Herwig, der Verlobte der Kudrun, sofort bereit ist, jede Verfolgung des Gegners aufzugeben und den Versuch, die Kudrun wiederzugewinnen, für lange Jahre hinauszuschieben; nur ungern beruhigt man sich mit dem von dem Epos angegebenen Grunde dafür, dals nämlich alle junge Mannschaft erschlagen sei, und wirft leicht die Frage auf: sollte wirklich in zwei Reichen, wie die des Hetel und Herwig waren, nicht mehr so viel kriegstüchtige Mannschaft vorhanden gewesen sein, um einen sofortigen Rachezug gegen Hartmut zu gestatten? Noch sonderbarer erscheint es, dals Herwig während der langen Zeit der Knechtschaft Kudruns unbekümmert und ruhig in seinem Lande sitzt, derselbe Herwig, der einst in zornigem Kriegesmut vor Hetels Burg drang, um die ihm versagte Jungfrau mit Waffengewalt zu erringen! Unserer Erwartung gemäls müſste er mehr als einmal voller Ungeduld an Hilde gesandt haben, ob der Kriegszug noch nicht bald unternommen würde. Diese wohl von vielen empfundenen Schwierigkeiten hat zuerst WilmannsDie Entwicklung der Kudrundichtung p. 223 klar ausgesprochen. Er hat ferner gezeigt, dals Herwig auch in der Schlacht auf dem Wülpensande nicht die ihm zukommende Rolle spielt. Nur bei der Landung wird er in zwei inhaltsleeren Strophen(867 und 868) erwähnt, und am Abend, als die Hegelingen sich in der Dunkelheit einander töten, mahnt er zur Beendigung der Schlacht; im Handgemenge selbst erscheint er dagegen nicht, er sucht den Anschauungen der Heldensage stracks zuwider den Verletzer seiner Ehre, Hartmut, nicht auf. Ebenso entspricht seine Thätigkeit in der

¹) Nach Symons, Kudrun p. 12.