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erzählte also die älteste deutsche Fassung der Hildesage in schlichter Weise diese Begebenheit wohl folgendermaſsen: König Hetel kommt unerkannt an Hagens Hof, gewinnt heimlich die Liebe der Hilde und flieht mit ihr davon u. s. W. Die Erklärung für den Unterschied, den somit die alte deutsche Fassung gegenüber der altnordischen aufweist, ergiebt sich beim Zurückgehen auf die gemeinsame Quelle beider, den oben dargelegten Walkyrienmythus. Dort ist gezeigt, dals aus dem Walkyrienritt der Hilde eine Entführung werden muſste; die einzelnen Umstände der Entführung gestalteten sich bei verschiedenen Völkern in verschiedener Weise um: die skandinavischen Völker lielsen sie bei einem ihnen nahe liegenden Wikingerraubzug vor sich gehen; die germanischen Stämme in Deutschland, weniger dem Seeraub zugethan, ersannen eine listige Art der Entführung.— Konnte somit in dieser Hinsicht der altnordischen Fassung eine gröſsere Ursprünglichkeit vor der deutschen nicht zugestanden werden, so muls ihr diese bezüglich der Frage, wer ursprünglich Entführer war, ob Hetel oder seine Recken Wate, Fruote, Horant, Irold und Morung, entschieden zugestanden werden. Die Heldensage überweist die schwierigsten Thaten und grölſsten Gefahren immer den hervorragenden Trägern der Handlung; demgemäſs hat unzweifelhaft auch in den ältesten deutschen Fassungen Hetel in Person, nicht durch seine Vasallen die Entführung vollzogen. Erst als man die Werbung und Entführung weiter ausdichtete, sind die fünf Recken an seine Stelle getreten. Von diesen sind am spätesten in die Hildesage eingedrungen Irold und Morung; vollgültige Beweise dafür liefern ihre Bedeutungslosigkeit für den Fortschritt der Handlung und das mehrfach hervortretende, aber unglückliche Bestreben später Bearbeiter, ihnen eine Stelle anzuweisen, z. B. den Irold bei der heimlichen Zusammenkunft des Horant mit der Hilde eine Rolle spielen zu lassen. Am frühsten scheinen Wate und Fruote in die Hildesage eingetreten zu sein. Und zwar waren sie ursprünglich wohl nicht so eng verbunden, wie sie, im Epos erscheinen, sondern in verschiedenen Gegenden— vielleicht auch zu verschiedenen Zeiten— fanden sie Eingang in die Sage. Jedem denkenden Leser fällt es auf, dals bei der Beratung, die Hetel mit seinen Vasallen pflegt(str. 248 ff.), bezüglich der Entführung der Hilde zwei durchaus verschiedene Vorschläge, der eine von Fruote, der andere von Wate, gemacht werden und die Helden sich schlieſslich trennen, ohne sich für einen derselben zu entscheiden. Demgemäls gehen auch bei der Werbung zwei Motive unvermittelt neben einander her. Horant giebt sich und seine Genossen(str. 311), so wie Wate empfohlen hatte, als vertriebene Fürsten aus; Fruote dagegen(str. 314) schwingt seiner Krame Dach auf und benimmt sich seinem Vorschlag gemäſs als Kaufmann. Bei den Hoffestlichkeiten werden die Hegelingen als vertriebene Fürsten behandelt(vgl. str. 342 ff.); Fruote steht mit seiner Krambude ganz im Hintergrunde. Erst als Hagen und sein Hof an den Strand kommen, nicht etwa, um Fruotes Kostbarkeiten, sondern um die Schiffe und Ausrüstung der Hegelingen zu betrachten, geschieht(str. 442) seiner Krambude noch einmal nebenbei Erwähnung. Das Vorkommen dieser beiden Motive nebeneinander, deren Verschmelzung dem Epos nicht gelungen ist, erklärt sich nur aus der Annahme, dals zwei verschiedene Arten der Werbung mit einander in äufserliche Verbindung gesetzt sind. In der einen Gegend war es Fruote, der als Hetels Dienstmann nach dem Irenlande fuhr, dort durch die Pracht seiner Waren und den Ruf seiner Freigebigkeit die Hilde an den Strand lockte und durch Recken, die in dem nahen Schiffe verborgen lagen, entführen liefs. In einer anderen Gegend galt Wate als Entführer; im Irenland angekommen, giebt er sich und seine Recken als vertriebene Fürsten aus; am Hofe eingeladen und wohl empfangen, lädt er seinerseits den Hagen zur Besichtigung seines Schiffes ein und erbittet sich als besondere Gnade, daſs auch die Damen mitkommen; kaum ist Hilde auf dem Schiffe, so werden die Iren hinausgestoſsen, und Wate entflieht mit seinem kostbaren Raube. Eine Antwort auf die Frage, warum beide Darstellungen miteinander verbunden wurden, liefert die Thatsache, dals von den mittelhochdeutschen Dichtern strenges Festhalten an der Tradition verlangt wurde; daher berufen sich die höfischen Epiker ausdrücklich auf ihre Quellen und nennen, wo sie freie Erdichtung geben, eine fingierte Quelle; die Dichter der Volkssage versichern, dals sie dem maere getreu erzählen, weisen auch wohl darauf hin, dafs andersartige Darstellungen erlogen seien. So mögen Fahrende, die entsprechend der Darstellung in der einen Gegend Fruote als Entführer und Kauf-


