Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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Pür die Erkenntnis der Zeit, zu welcher Hilde- und Kudrunsage sich mit einander verbunden haben, sowie der Gestalt, in welcher sich die Hildesage damals befand, ist von entscheidender Bedeutung die schon erwähnte Anspielung in Lamprechts Alexander: Nach der Erzählung der Schlacht am Euphrat will Lamprecht die Tapferkeit seines Helden hervorheben, er schreibt daher(Straſsburger Hs.):

von einem volcwige hôre wir sagen

der ùf Wulpinwerde gescach

dar Hilden vater tôt lach

inzwischen Hagenen unde Waten;

der ne mohte sih hi z0 niht gegaten.

Herwich unde Wolfram(Vorauer Hs: Wolfwin) ne mohten ime niwit gelich sin

noh nehein man ander,

also freislich was Alexander.

Die Stelle ist verderbt überliefert; Wolfram oder Wolfwin ist wohl Gedächtnis- oder Schreibfehler für Ortwin, und anstölsig ist im höchsten Grad die Erwähnung Hagens im vierten Vers, nachdem im dritten Vers der Hilden vater genannt war. Am wahrscheinlichsten, weil allein eine klare Situation ergebend, und am leichtesten ist die Anderung W. Grimms(b. Haupt II, 4) wonach im vierten Vers Hetenen anstatt Hagenen zu setzen ist. Die ersten fünf Verse lassen demnach folgende Thatsachen erkennen: Wate und Hetel, die Entführer der Hilde, sind von Hagen auf dem Wülpenwerde ¹) eingeholt worden; ein furchtbarer Kampf hat sich dort entsponnen, Hagen ist gefallen im Kampf, und der Dichter führt die erhabene Scene vor, in der Hetel und Wate nach geschlagener Schlacht an der Leiche des grolsen Gegners stehen. Diese Gestaltung der Hildesage fügt sich passend in den bisher verfolgten Entwicklungsgang der Sage ein. Dals an Stelle des unendlichen Hjadningenkampfes durch den Einfluſs des Christentums eine endliche Schlacht treten mufste, ist mehrfach gezeigt worden. Nun erzählt Saxo, und der allerdings getrübte Bericht der Snorra Edda läfst erkennen, daſs die beiden Führer samt ihren Heeren sich gegenseitig erschlugen; in der modernisierten Fassung war dieser Ausgang unmöglich, da ein solcher Schlufs, wonach die beiden Hauptpersonen der Sage fallen und die dritte(Hilde) man weils nicht wozu allein zurückbleibt, entschieden unbefriedigt lälst. Nur einer von beiden Helden konnte fallen. Hätte nun Hetel das Los getroffen, so war dies wohl eine gerechte Vergeltung für das an Hagen begangene Unrecht; Hagen hätte seine Tochter heimgeführt, strenger gehalten, und alles wäre beim Alten geblieben. Man wird jedoch zugestehen, dafs dies ein höchst prosaischer Schluls gewesen wäre; die epische Poesie liebt es aber nicht, auf Umwegen wieder in das alte Geleise zu lenken, sie pflegt vielmehr aus Verwicklungen und Gefahren mannigfacher Art einen neuen Zustand hervorgehen zu lassen. Dies war nur dann zu erreichen, wenn Hagen im Kampfe erschlagen wurde. Eine Härte liegt allerdings darin, daſs er nicht bloſs die Tochter, sondern auch das Leben verlieren muſs; aber durch die Sagen der germanischen Völker, besonders in ihren älteren Fassungen, geht überhaupt ein gewisser fatalistischer Zug, und gegen Hagen erregen die älteren Fassungen der Hildesage, dadurch dafs sie ihn als die personifizierte, unversöhnliche Gewaltthätigkeit ninstellen, eine Art Antipathie, welche das Gefühl des Unwillens über das doppelte ihm zugefügte Unrecht nicht aufkommen lälſst; für den Hetel dagegen erwecken sie, indem sie ihn als mannhaften, aber versöhnlichen Recken schildern, ein Interesse, das dem Hörer Preude über seinen Sieg bereitet. Somit bildet die von Lamprecht angedeutete Fassung der Sage das wichtige Mittelglied, welches von der ursprünglichen Gestalt

¹) Die Schlacht auf dem Wülpenwerde bei Lamprecht entspricht somit der Schlacht auf dem Strande von Waleis, nicht der auf dem Wülpenwerde im Kudrunepos. Die Erklärung dieser Verschiebung später!