Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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ihrem Stammbaum, ferner die genauen Angaben der Jahreszeiten sind erdichtet, um den Schein historischer Treue zu erwecken ¹); die Erwähnung der Blutsbrüderschaft zwischen Hedin und Högni erlaubt die Vermutung, dals der Verfasser des Sörla thättr die Darstellung des Saxo gekannt hat. Erfreulich ist es bei all diesen Wandlungen der Sage, dals gewisse Grundzüge sich wohl erhalten haben. Noch ist Hagen König von Dänemark; noch findet die Flucht der Hilde und des Hedin statt; noch wird Hagen im Kampf als der berserkerhaft heftige bezeichnet, während in der dem Hedin zugeschriebenen Gewandtheit bei minder groſser Kriegerstärke eine Erinnerung an die bei Saxo bemerkte Charakterisierung zu liegen scheint; noch wird endlich die allnächtliche Schlacht auf Haey geschlagen.

Weiter als im Sörla thättr, der die Grundzüge der Sage treu bewahrt hat, gehen die Wandlungen in der letzten, aus dem skandinavischen Norden erhaltenen Fassung in der Shetlandischen Ballade. Im Jahre 1774 liels sich der schottische Reisende Low von einem norsischen, auf der Insel Fula ansälsigen Bauern eine Ballade von 35 vierzeiligen Strophen, welche von den jungen Burschen und Mädchen als Tanzlied gesungen wurde, in norsischer Sprache diktieren; diese wurde veröffentlicht bei Barry, history of the Orkney Islands, London 1808, und von P. E. Munch inSamlinger til det norske volks sprog og historie Band VI. Das Norsische, schon 1774 im Aussterben begriffen, ist inzwischen ausgestorben und die Ballade fast unverständlich. Zum Glück hatte sich schon Low, der kein Norsisch verstand, eine englische Paraphrase geben lassen, von welcher Hofmann in den Münchener Sitzungsberichten 1867, II, p. 208 ff. eine Ubersetzung gab, zugleich mit einer Besprechung der Sage. Die Übersetzung lautet: Hiluge, ein vornehmer Mann am norwegischen Hofe, freite um die Königstochter Hildina, erhielt aber einen Korb, obwohl der Vater ihm hold war. Als einmal der König und Hiluge auf einem Kriegszuge fort waren, landete der Orkneyjarl in Norwegen, traf Hildina, verliebte sich in sie und sie in ihn, sie wurden eins und flüchteten auf die Orkneys, wohin ihnen nach ihrer Rückkehr vom Kriegszuge der erbitterte Vater und Hiluge mit grossem Heere folgten, um den Raub zu rächen. Hildina überredete den Jarl, unbewaffnet dem Könige entgegen zu gehen und um Gnade zu bitten; er liefs sich rühren, verzieh und gab sogar seine Einwilligung. Kaum war der Jarl fort, um Hildina die frohe Kunde zu überbringen, als Hiluge, indem er des Jarls Vermessenheit aufs schlimmste schalt, den König zu neuem Grimme reizte und ihn dahin brachte, alle seine Gelübde zurückzunehmen. Es kam nun zum Zweikampfe zwischen Hiluge und dem Jarl, und dieser fiel. Sein Haupt warf Hiluge mit den härtesten Schmähungen Hildina vor die Füfse, die ihm mit scharfer Gegenrede im Herzen blutige Rache gelobte. Sie mufste ihm nun nach Norwegen folgen, wo er seine Freierei wieder anfing. Lange weigerte sie ihre Hand; aber der Vater setzte ihr mit Bitten zu und endlich gab sie ihr Wort unter der Bedingung, daſs sie selber beim Brautfeste den Wein in die Becher schenken dürfe. Dies wurde zugestanden. Als die Hochzeitgäste beisammen waren und zu Tische kamen, schenkte ihnen Hildina mit Schlafkräutern versetzten Wein, und bald lagen alle in tiefem Schlummer. Da liels sie ihren Vater hinaustragen und warf Feuer ins Gästehaus. Alle wurden darin verbrannt. Hiluge, der beim Krachen der Flammen erwachte, bat um Gnade; aber Hildina antwortete ihm so hart, wie er, als er ihr des Jarls Haupt brachte, und lieſs ihn in der Lohe sterben.

In dem ersten Teil der Shetlandischen Ballade ist unzweifelhaft die Hildesage zu erkennen, wenn- gleich Högnis und Hedins Namen verloren sind: Norwegen und eine Orkneyinsel als Schauplatz der Sage, der Name der Königstochter Hildina eine offenbare Erweiterung des Wortes Hildr, die Abwesenheit des Vaters zur Zeit der Entführung der Tochter, die Landung des Entführers, die Einwilligung der Königs- tochter in die Entführung übers Meer, die Verfolgung durch den Vater, der Sühneversuch vor der Schlacht die Ubereinstimmung aller dieser Momente mit der altnordischen Fassung, wie sie die jüngere Edda am reinsten erhalten, ist so unverkennbar, dafs nur vorgefaſste Meinung eine andere Sage darin sehen

¹) Vgl. hierzu Klee p. 34 ff.