Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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oder jünger sein(vgl. Klee, zur Hildesage p. 5), es zeigt jedesfalls, dafs jene alten, an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten verfaſsten Lieder unter einander in Einzelheiten der Sage, wie man erwartet und leicht erklärlich ist, verschieden waren: denn nach dem Bericht Snorris bietet Hilde dem Vater einen Halsschmuck an, ehe der Kampf beginnt; wenn sie dagegen in dem Skaldenliede die blutenden Wunden stillt und dann von dem Wiederbeginn der Schlacht die Rede ist, so mufs ein Teil des Kampfes vorausgegangen sein, ehe der Sühneversuch erfolgt.

Die Betrachtung des aus diesen Liedern hervorgegangenen Berichtes der jüngeren Edda(vgl. p. 2), welcher um 1200 aufgezeichnet ist, läfst erkennen, dals der Hildemythus schon im 8. Jahrhundert bei den skandinavischen Völkern in den Bereich der Heldensage getreten ist. Högni, früher der dämonische Vater einer Walkyrie, ist ein König geworden und, da er bei der Verfolgung des Hedin nordwärts segelnd nach Norweg kommt, so hat man offenbar Jütland als sein Reich anzusehen. Als Beherrscher oder Verbündeten anderer Könige denkt ihn Snorri, wenn er sagt, er sei auf einer Königsversammlung gewesen, zur Zeit als Hedin in seinem Lande heerte. Der Umstand, daſs dem Hedin kein Reich zugeschrieben wird, und die eigentümliche Art der Entführung bei Gelegenheit eines Raubzuges lassen in ihm einen jener Wikingerkönige erkennen, deren ganzes Königreich in ihren Schiffen und Mannen bestand, die durch ihre verheerenden Einfälle seit dem letzten Viertel des 8. Jahrhunderts bis ins 11. Jahrhundert der Schrecken ganz Nordeuropas waren. Dazu stimmt die Erwähnung der Orkneyinsel Haey; die Thatsache nämlich, dals um 850 von skandinavischen Fürsten sowohl auf den Orkaden wie in Schottland und Irland neue Reiche gegründet wurden und in regem Verkehr mit dem Mutterlande Norwegen standen, erklärt das anfangs befremdliche Überspringen des Schauplatzes von der norwegischen Küste nach der schottischen Insel vollauf ¹). Als neu und aus dem Bestreben hervorgegangen, dem einfachen Mythus durch Ausdichtung im einzelnen mehr Leben und Anschaulichkeit zu verleihen, erscheinen in der jüngeren Edda die beiden Sühneversuche der Hilde und des Hedin. Wie aber im allgemeinen Hilde im Vergleich mit Högni und Hedin am meisten von ihrem göttlichen Charakter erhalten hat sie ist zwar als Königstochter eine Sterbliche, die sich entführen lälst, aber der bei Snorri fast unangetastet erhaltene Schluls des Mythus mit dem gewaltigen, allnächtlich durch Hilde erregten Geisterkampf zeigt noch ganz und gar die Göttin, so scheint auch bei der Erdichtung dieser Sühneversuche ihr Charakter als Göttin noch voll empfunden worden zu sein; denn dem Vater Versöhnung anbieten, ihm aber zugleich ankünden, dals der Gegner bereit sei zum Kampf und keine Schonung üben werde eine solche Rede ist unnatürlich im Munde einer gewöhnlichen Sterblichen, ist nur erklärlich, wenn sie von einer Göttin ausgeht, die, sowie sie der den Sterblichen gesetzten örtlichen Beschränktheit enthoben ist, auch in ihren Leidenschaften sich von keinerlei Rücksicht gebunden fühlt.

Nach denselben örtlichkeiten wie Snorris Bericht führt die im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts niedergeschriebene und mit mancherlei Zuthaten versetzte ²) Erzählung des Saxo Grammaticus. Högni ist auch hier König in Jütland. Dem Hedin wird zwar ein Königreich in Norwegen zugeschrieben, aber sein Wikingertum ist in der oberflächlichen Überarbeitung der Sage noch deutlich erkenntlich; denn wozu begiebt er sich in die Dienste eines anderen Königs, wenn er selbst ein Königreich besitzt, und warum hört man nie etwas von einer Heimkehr in sein Land? Ein wesentlicher Unterschied gegenüber dem Eddaberichte zeigt sich darin, daſs bei Saxo die Entscheidungsschlacht auf Hithinsö, d. i. Hiddensee, einer Insel westlich von Rügen, vor sich geht. Möglicherweise ist diese Anderung in der Ortlichkeit willkürlich von dem Bearbeiter getroffen; durch die von ihm zugedichteten zwei ersten Schlachten ermangelte die dͤritte Schlacht, wie oben p. 3 gesehen, schon ohnedies einer triftigen Motivierung; noch unvermittelter wäre sie

¹) Vgl. Maurer, Islands und Norwegens Verkehr mit dem Süden in Zachers Zeitschrift II, 447. ²) Vgl. p. 2.