Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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daran nehmen, wenn eine Göttin, eine Aphrodite, Thetis oder Sigrun, den sterblichen Geliebten aufsucht, scheint dasselbe Verfahren von seiten sterblicher Frauen dem poetischen Zartgefühl anstölsig zu sein. Stellen sich der Verbindung zweier Sterblichen Schwierigkeiten entgegen, so fällt dem Manne in erster Linie die Beseitigung derselben zu, die Frau bleibt mehr im Hintergrund. Mithin konnte Hilde nicht mehr den Hedin aufsuchen, Hedin mulste vielmehr die Braut aus der Gewalt des Vaters befreien: aus dem Walkyrienritt der Hilde ward eine Entführung derselben durch Hedin. Dieser Zug ist somit sehr alt, jedoch nicht ursprünglich. Aus dem Wesen der Walkyrie erklären sich aber zwei Motive, die allen Fassungen der Hildesage, mögen die übrigen Umstände auch noch so verschieden sein, gemeinsam geblieben sind: erstens die Thatsache, dafs Hilde freiwillig und gern dem Entführer folgt und auf seiner Seite steht, zweitens der Umstand, daſs die Entführung überall über das Meer stattfindet; in der jüngeren Edda, bei Saxo, in der Kudrun, im Sörla thättr, überall erreicht der nachsetzende Högni die Tochter und den Hedin, die übers Meer davongeflohen sind, am fernen Gestade. Nun werden die Walkyrien in der Edda, wie schon erwähnt, als Göttinnen dargestellt, die Wolken und Meer reiten; sollte Hilde, die vom Geliebten über das Meer davongeführt wird, nicht genau entsprechen der Walkyrie, die über das Meer zum Geliebten eilt?

II. Entwicklung der Hildesage.

a. Bei den Angelsachsen.

Dem 8. Jahrhundert gehört nach der meistverbreiteten Ansicht an das sogen. Wandererlied(vidsid in Grein angels. Bibl. 1, 251 ff.), ein Gedicht, dasin Form eines Berichtes des durch die ganze bekannte Welt umhergezogenen Sängers zusammenstellt, was man von Ländern, Völkern und herrschenden Stämmen damals wissen mochte. Mit Hintansetzung aller chronologischen Bedenken führt der Sänger die in den verschiedensten Sagenkreisen auftretenden Könige als zu seiner Zeit regierend vor; er kennt Alexander den glücklichsten der Walchen, und Aötla den Hunnenkönig sowie den Gotenfürsten Eormanric hat er aufgesucht, Gifica waltet zu seiner Zeit über die Burgunden. So berichtet er V. 20 auch:

Hagena(scil. véöld) Holmrygum, and Heoden Glommum; Vitta véöld Svaefum, Vada Hälsingum.

Die Verbindung des Hagen mit dem Heoden= Hedin verbietet an den Hagen der Burgunden- sage zu denken, und beweist, daſs im 8. Jahrhundert die Hildesage in England verbreitet war. Wenn ferner Hagen als König über die Holmryger d. s. die Bewohner des norwegischen Rogalandes bezeichnet und somit auf der skandinavischen Halbinsel lokalisiert wird, so wird daraus ersichtlich, daſs der Hildemythus seines Charakters als Mythus schon entkleidet und in den Bereich der Heldensage getreten war. Denn als symbolische Darstellung eines naturhistorischen Vorgangs oder einer kulturhistorischen Idee pflegt der Mythus in seiner ursprünglichsten Form entweder an keine bestimmte rtlichkeit oder höchstens an eine mythische gebunden zu sein; erst einer weiter gehenden Vermenschlichung ist es vorbehalten, dieselben an allgemein bekannte örtlichkeiten zu versetzen und dadurch aus dem Bereich des Göttermythus in den der Heldensage herabzuziehen. Beachtenswert erscheint endlich noch der Umstand, daſs sofort hinter Hagen und Hedin Vada d. i. Wate als Beherrscher der Hälsinger, eines gleichfalls skandinavischen Volkes, vorgeführt wird. In ähnlicher Weise zählt das Wandererlied Eormanric den Gotenkönig, Aötla den Hunnenkönig und Gifica den Burgundenfürsten, deren Sagen so mannigfache Verbindungen unter einander eingegangen sind, ohne Beziehung des einen zum anderen auf. Die Vermutung liegt nahe, dafs ähnlich, wie hier die Verwandtschaft der hunnischen, gotischen und burgundischen Sage nur durch Zusammenstellung