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Walkyrien dort dargestellt sind als göttliche Wesen, die„Meer und Wolken reiten“, somit als Himmels- gottheiten, die, nicht an irdische Wohnungen gebunden, frei mit dem Sturm über die Lande dahinfahren. Wie ist es nun erklärlich, dals Hedin ein solches Wesen entführt? Entführung hat doch nur Sinn, wenn eine Jungfrau in strenger Hut gehalten wird und nicht entfliehen kann. Eine Walkyrie aber kann nicht gehindert werden, den Geliebten aufzusuchen; miſsbilligt der Vater die Wahl des von der Tochter erkorenen Gatten, so bleibt ihm nichts übrig, als diesen im Kampf aufzusuchen und zu erschlagen. So sucht(Helgakv. Hundingsb. I) Sigrun, des Königs Högni Tochter, den geliebten Helgi auf, da er eben vom Kampf mit den Hundingssöhnen unter dem Aarstein ausruht; sie bekennt ihm ihre Liebe und fordert, ihn auf, den Hödbroddr, den verhafsten Bräutigam, dem der Vater sie versprochen hat, im Kampf zu erlegen. Helgi ruft seine Mannen zusammen, auf dem Meere erfafst seine Flotte ein Sturm.„Aber Sigrun kam kühn aus den Wolken und schützte sie selber und ihre Schiffe.“ In der Schlacht schirmt die helmbewehrte Walkyrie den Geliebten vor den sausenden Geschossen. Helgi siegt über Hödbroddr wie Högni und vereinigt sich mit der Geliebten. Khnlich ist die Darstellung von Sigruns Liebe im zweiten Liede von Helgi, dem Hundingstöter. Wenn nun Hilde, eine Genossin der Sigrun, die hehrste der Walkyrien ist, wenn wir uns daran erinnern, wie trotzig und selbstbewuſst sie noch in Snorris Bericht dem Vater entgegentritt, nicht wie die entlaufene Tochter, die Strafe fürchtet, sondern wie die mächtige Göttin, welcher selbst der eigene Vater nichts anhaben kann, wenn wir bedenken, daſs auch Högni nach der jüngeren Edda weniger das Ziel verfolgt die Tochter wiederzugewinnen als vielmehr an Hedin Rache zu nehmen, so kann unmöglich die Rede sein von einer Entführung, die ein romantisches Motiv ist bei einer Sterblichen, nimmermehr aber zu dem Charakter einer Walkyrie pafst. Demgemäls darf als älteste Fassung des Mythus wohl folgende hingestellt werden.
Die Walkyrie Hilde, des gewaltigen Högni Tochter, hat den Hedin, einen Helden von göttlichem Stamme, zum Gemahl erkoren. Da der Vater den Schwiegersohn verschmäht, eilt die stolze göttliche Tochter, dem eigenen Willen folgend, über Wolken und Meer zu dem Geliebten. Högni hat keine Macht, der Tochter zu wehren, so will er ihr den Geliebten im Kampf entreifsen. Es kommt zur Schlacht; die Mannen, sowie Högni und Hedin erschlagen sich gegenseitig. In der Nacht erweckt Hilde die Toten zu erneutem Kampf, die aufgehende Sonne aber läſst sie und ihre Waffen zu Stein erstarren. So dauert der Kampf fort bis zur Götterdämmerung.
Saxo konnte eine Walkyrie, die über Wolken und Meer reitet, in seiner angeblich historischen Darstellung natürlich nicht brauchen, er ersann deshalb jene völlig unpoetische falsche Anschuldigung, wegen deren es zu einer nutzlosen Verhandlung vor Frotho kommt. Die Beschuldigung, dafs Hedin die Hilde vor der rechtmälfsigen Verlobung verführt habe, war nur möglich, wenn Hilde dem Hedin verlobt war; es wurde deshalb Högni und Hedin, die nach den übrigen Fassungen der Sage vor der Entführung der Hilde in gar keinem Verhältnis zu einander stehen, von Saxo als Freunde hingestellt.
Wie muſste sich diese erkennbar älteste Fassung des Hildemythus zunächst weiter entwickeln? Bekannt ist das in der Mythologie aller Völker obwaltende Streben, das Hohe in den Kreis des Niederen zu ziehen, aus Göttern Heroen, aus Heroen hervorragende Menschen zu machen. Zur Zeit wo man aufing in Högni und Hedin nicht mehr halbgöttliche Heroen, sondern Könige über allgemein bekannte Länder zu sehen, beeinflulste dies das Wesen der Hilde insofern, als man nicht mehr in ihr die hehre Walkyrie, sondern nur die Tochter eines mächtigen Herrschers, eine Jungfrau von weitberühmter Schönheit(Saxo), erblickte. Eine Sterbliche durfte natürlich nicht über Wolken und Meer zu dem Geliebten fahren; eben- sowenig konnte dieser Zug den gemeinmenschlichen Anschauungen etwa so näher gerückt werden, dals dargestellt worden wäre, wie Hilde aus dem väterlichen Hause entflieht und zu Hedin eilt. Denn eine entlaufene Tochter und eine Jungfrau, die den Geliebten im fremden Lande aufsucht, ohne daſs dieser etwas zu ihrer Befreiung gethan hat, sind durchaus unpoetische Gestalten; während wir keinen Anstols


