Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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seine mythische Natur erkennen; dieselbe wird jedoch bewiesen dadurch, dals ihn die jüngere Edda zu einem Sohne Hjarrandis macht; Hjarrandi ist aber einer der Beinamen Odins. Ferner zeigt die Verwendung des Namens Hedin oder Hjadninge zu tropischen Wendungen(z. B. der Panzer= Hedins Hemd, die Schlacht = der Hjadninge Wetter), dals man gewöhnt war, in ihm ebenso wie in seiner Gattin einen mythischen Vertreter des Kampfes zu sehen).

Von den Vorgängen, aus denen sich der Mythus zusammensetzt, hat der Bericht der jüngeren Edda mit der Darstellung des mhd Epos und des Sörla thättr gemeinsam die Entführung der Hilde durch Hedin und die Verfolgung von seiten des Vaters; durch die ÜUbereinstimmung mit dem Sörla thättr und dem Berichte Saxos stellt sich als uralt der Entscheidungskampf und die allnächtlich tobende Geister- schlacht heraus. Somit scheint sich als erkennbar frühste und einfachste Gestalt des Mythus folgende zu ergeben: Hilde, eine Walkyrie, wird ihrem Vater Högni, einem Manne von dämonischem Wesen, von Hedin, einem Helden von göttlicher Abkunft, entführt. Der ergrimmte Vater ereilt die Fliehenden und in einer furchtbaren Schlacht, dem Hjadningenkampf töten sich Högni und Hedin sowie ihre Heere gegen- seitig. In der Nacht aber erweckt Hilde die Toten, der Kampf beginnt aufs neue und währt bis zum Morgen. Bei Tagesanbruch werden alle Kämpfer zu Stein. Dieser Vorgang wiederholt sich allnächtlich auf gleiche Weise und wird dauern bis zur Götterdämmerung(Klee p. 18).

In dieser Fassung des Mythus ist ein Zug, der von der Entführung der Hilde durch Hedin, entschieden anstöſsig. Zunächst ist auffällig, daſs Saxos Bericht denselben nicht kennt, und geradezu unerklärlich ist es, wie der Mönch dazu kam, falls er in den ihm vorliegenden Liedern dies Motiv vorfand, an seine Stelle den kleinlichen Beweggrund einer falschen Anschuldigung zu setzen, derzufolge der furchtbare Hjadningenkampf von einem Milſsverständnis herrührte; er konnte sich unmöxglich verhehlen, daſs eine Entführung wider Willen des Vaters ein weit triftigeres Motiv war. Saxo wird wohl eine derartige Fassung der Sage gekannt haben, wonach der Hjadningenkampf auf rein mythische Weise erklärt war; da er aber den Mythus als Geschichte erzählen wollte, erfand er ein mehr menschliches Motiv, war jedoch mit seiner falschen Anschuldigung wenig glücklich. Zu dieser rein mythischen Gestalt führt ein Bedenken, welches die Entführung der Hilde in sachlicher Hinsicht erregt. Jeder Leser der Edda weiſs, dafs die

und Hildesage, dafs eine Identifizierung immerhin kühn erscheint; überhaupt kann ich mich mit der Identifizierung der Hilde- und Walthersage nicht einverständen erklären. Die Umstände der Entführung sind doch recht verschiedenartige, und wenn man die Hildesage mit der Walthersage identifiziert, so kann man dies mehr oder minder auch mit jeder anderen Entführungssage bewerkstelligen. Was nützt schlieſslich diese Identifizierung für die Erkenntnis des Entwicklungsganges der Hildesage?

¹) Nachweisen läſst sich der Name nur noch in der älteren Edda. In der Helgakv. Hjörvardss. ist er der Bruder Helgis, der sich eines Gelübdes auf Swawa, dessen Geliebte vermifst, dem Bruder aber seinen Fehltritt reumütig bekennt und schliefslich, als den Helgi die Todeswunde getroffen hat, Swawa zur Gemahlin erhält, nachdem er an den Mördern Rache zu nehmen versprochen hat; Hedins, des Sohnes Hjörvards, Schicksale sind also verschieden von denen unseres Hedin, und Klee hat deshalb recht, wenn er die Identifizierung dieser beiden abweist (p. 12). Dafs aber Hedin eine in der nordischen Sagenwelt bekanntere Persönlichkeit war, geht hervor aus dem Namen Hedinsey, der sich im ersten Liede von Helgi dem Hundingstöter findet. Erwägt man, daſs das erste Lied von Helgi, dem Sohne Hjörvards, wegen der Ahnlichkeit des zwischen Swawa und Helgi bestehenden Verhältnisses mit dem der Sigrun und Helgis, des Hundingstöters, zu demselben Sagenkreise zu gehören scheint, wie die beiden von dem Hundingstöter, dals jenes einen Hedin, wenn auch nur als Nebenperson kennt, dieses eine Hedinsey(dieser Name kommt sonst nirgends in der Edda vor), so scheint die Vermutung gerechtfertigt, daſs es einen Sagenkreis im skandinavischen Norden gegeben hat, in dem Högni, seine Töchter Sigrun und Hilde, sodann Helgi und Hedin Hauptpersonen waren. Bedenklich könnte es allerdings scheinen, dafs Helgis und Sigruns Schicksale in vielen Stücken denen von Hedin und Hilde gleichen. Aber es ist eine bekannte Thatsache, wie leicht gerade die im Volksmund lebende Sage Handlungen und Personen verdoppelt; vielleicht ist die Vermutung gestattet, daſs die Walkyriensage von Hilde und Hedin ursprünglich identisch war mit der von Sigrun und Helgi.