Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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Durch die Untersuchungen Dahlmanns und P. E. Müllers über Saxo ist festgestellt, daſs die Erzählungen desselben in den ersten Büchern jeder historischen Grundlage entbehren und unter dem Schein wahrer Geschichte nur eine Sammlung von Sagen bieten, die notdürftig durch die Namenreihe der gleichfalls erfundenen Könige verbunden sind. Als Erdichtung des Mönches ist demzufolge anzusehen: 1) das Verhältnis, in welches Högni und Hedin zu Frotho gesetzt sind¹), 2) der. Zug, dals Hedin von Högni angegriffen wird, als er bei den Slaven Tribut eintreibt, und ihm eine Niederlage beibringt, 3) die Srzählung von dem Schiedsgerichte Frothos und dem daraus entspringenden Zweikampf zwischen Högni und Hedin²). Echt ist nur die angeblich nach sieben Jahren erneute, von Saxo ohne jeden Grund eingeführte Schlacht auf Hithinsö und die von Saxo als unglaubhaftes Gerede der Leute bezeichnete Bemerkung, dals Hilde die Leiber der Erschlagenen allnächtlich zu neuem Kampf erweckt habe, ein Zug, den er thörichter Weise durch die Liebe der Hilde zu ihrem Gatten motiviert.

Diese ältesten Fassungen haben unter sich und mit den späteren Darstellungen gemeinsam die drei Namen der Träger der Handlung: Hilde, Högni(deutsch Hagen), Hedin(deutsch Hetel), die als uralt auch am Stabreim zu erkennen sind. Für alle drei Personen ist der mythische, teils göttliche, teils halbgöttliche Ursprung nachgewiesen 3). Daſs Hilde ursprünglich eine Walkyrie, eine der hehrsten Schlachtengöttinnen war, beweist aufser ihrem Namen(hildr= Kampf) ihre Erwähnung in den Walkyrienverzeichnissen der älteren Edda(Völuspä 24, Grimnismäl 36, Simrock), die deutliche Anspielung auf ihre Thätigkeit bei dem Hjadningenwig in der zweiten Helgakv. Hundingsb. 27, die vorzugsweise Benutzung ihres Namens oder der Ausdrückedes Högni Tochter,Gattin oder Braut des Hedin zu tropischen, auf den Krieg bezüg- lichen Wendungen, sogen. Kenningar, beweist auch das in der Edda erwähnte Halsband, worin Simrock, Mythologie ³ p. 348, mit Recht eine Erinnerung an das berühmte Kleinod der Freyja, das Brisingamen, erblickt, welches die Walkyrien als Vervielfältigungen der Walhallagöttin Freyja erhalten haben. Högni ist ursprünglich halbgottartiger Natur; er ist identisch mit dem Högni des 2. und 3. Helgiliedes der älteren Edda, dem Vater der Walkyrie Sigrun; noch in der jüngeren Edda führt er ein wunderbares Schwert Dainsleif, das Kudrunlied bezeichnet ihn als valant aller künige, er allein führt die gerstange, der Sörla thättr verleiht ihm den wunderbaren Oegishelm in den Augen 4). Am wenigsten lässt Hedin

¹) Nur das eine darf daraus geschlossen werden, dafs die Hildesage in denselben Gegenden des skandi- navischen Nordens lebte, in welchen auch die Sagen von Frotho oder Frodi verbreitet waren, und dafs infolge davon beide Sagen leicht geneigt waren, eine Verbindung miteinander einzugehen, ähnlich wie die niederrheinische Siegfriedsage mit der oberrheinischen Burgundensage zusammengewachsen ist.

²) Verkehrt scheint mir die Erklärung der drei Kämpfe, welche Klee zur Hildesage p. 15 giebt; nachdem er auseinandergesetzt hat, dafs der Schlufs der Hjadningensage mit seinem bis zur Götterdämmerung dauernden Kampf der christianisierten Zeit nicht mehr habe Befriedigung gewühren können und daher teils mehr äusserlich, teils mehr innerlich verändert worden sei, letzteres in dem dritten Teile der Kudrun, indem die eine unendliche Schlacht durch zwei endliche ersetzt werde, spricht er die Vermutung aus, Saxo habe wohl diese Darstellung gekannt und sei dadurch zu seinen drei Schlachten gekommen. Aber bei dieser Erklärung hat Klee das Wesen der Geschichts- schreibung Saxos zu wenig beachtet; nicht darauf kam es dem Mönch an, alle Versionen der Sage ineinander- zuarbeiten, sondern er war nur bemüht seine Erzählungen mit einem gewissen geschichtlichen Gewand zu umkleiden; ausserdem setzt diese Erklürung eine frühe Bekanntschaft der verbundenen Hilde- und Kudrunsage im skandinavischen Norden voraus, während dort nur die Einzelexistenz der Hildesage zu belegen ist. Ebenso ist es zu beurteilen, wenn Klee l. c. das Mitleid, welches Högni mit dem jugendlichen Hedin empfindet, erklären will aus der Begnadigung, die dem Hartmut am Ende der Kudrun zu teil wird.

³) Vgl. Klee, zur Hildesage p. 8 12.

) Klee, zur Hildesage p. 10, erklärt den Hagen der Nibelungen- und Walthersage für identisch mit dem der Högni- und Hildesage; Hagen vertrete überall das böse Prinzip, indem er einem edlen Paare feindlich, zuweilen vernichtend entgegentrete. Aber in der nordischen Fassung der Nibelungensage tötet nicht Hagen, sondern Gutthormr den Sigurd; ferner ist die Stellung des Hagen in der Walthersage eine so völlig verschiedene von der der Helgi-

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