Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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I. Die älteste Gestalt der Hildesage

wird ermittelt durch die Vergleichung der relativ ursprünglichsten Fassungen der Sage. Diese finden sich in der jüngeren Edda und der dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus; neben ihnen haben das mhd Epos und der nordische Sörla thättr nur nebensächliche Bedeutung.

Zur Erklärung zweier tropischen Wendungen schreibt der Verf. der jüngeren Edda(skäldsk. 50):

Der Kampf wird genannt der Hjadninge Wetter oder Sturm und die Waffen die Feuerbrände oder Stäbe der Hjadninge. Aber die Erzählung davon ist diese: Ein König, Högni genannt, hatte eine Tochter, mit Namen Hilde. Diese machte zur Kriegsgefangenen ein König Namens Hedin, Hjarrandis Sohn, wührend König Högni zur Königsversammlung geritten war. Als er nun hörte, dafs in seinem Reiche geheert worden und seine Tochter fortgeführt sei, ritt er mit seinem Gefolge, Hedin aufzusuchen, und hörte, dals er nordwärts längs der Küste gesegelt sei. Als er aber nach Norweg kam, vernahm er, Hedin habe sich westlich gewendet. Da segelte ihm Högni nach bis zu den Orkneyen, und als er nach Haey kam, lag Hedin mit seinem Heere davor. Da ging Hilde, ihren Vater aufzusuchen, und bot ihm in Hedins Namen ein Halsband zum Vergleich; wenn er aber das nicht wolle, so sei Hedin zur Schlacht bereit, und hätte Högni von ihm keine Schonung zu hoffen. Högni antwortete seiner Tochter hart, und als sie Hedin traf, sagte sie ihm, dafs Högni keinen Vergleich wolle, und bat ihn, sich zum Streite zu rüsten. Und also thaten sie beide, gingen aus an das Eiland und ordneten ihr Heer. Da rief Hedin seinem Schwäher Högni an und bot ihm Vergleich und viel Gold zur Bufse. Högni antwortete: Zu spät bietest du mir das, wenn du dich vergleichen willst; denn nun habe ich mein Schwert Dainsleif gezogen, das von Zwergen geschmiedet ist und eines Mannes Tod werden mufs, so oft es entblöfst wird, und dessen Hieb immer trifft und Wunden schlägt, die niemals heilen. Da sprach Hedin: Du rühmst dich des Schwerts, aber noch nicht des Sieges. Ich nenne jedes Schwert gut, das seinem Herrn getreu ist. Da begannen sie die Schlacht, die Kampf der Hjadninge genannt wird, und stritten den ganzen Tag, und am Abend fuhren die Könige wieder zu den Schiffen. In der Nacht aber ging Hilde zum Walplatz und weckte durch Zauberkunst die Toten alle, und den andern Tag gingen die Könige zum Schlachtfelde und kämpften, und so auch alle, die Tags zuvor gefallen waren. Also währte der Streit fort einen Tag nach dem andern, und alle, die da fielen, und alle Schwerter, die auf dem Walplatz lagen, und alle Schilde wurden zu Steinen. Aber sobald es tagte ¹), standen alle Toten wieder auf und kämpften, und alle Waffen wurden wieder brauchbar. Und in den Liedern heifst es, die Hjadninge würden so fortfahren bis zur Götterdämmerung.(Simrock, die Edda, 8. Aufl., p. 319).

Saxo Grammaticus erzählt im 5. Buch seiner Dänischen Geschichte unter dem mythischen Könige Frotho III.(I 238 Müller) dieselbe Sage in historisierter Weise ²).

Hithinus, König eines norwegischen Volksstammes, Freund und Bundesgenosse König Frothos III. entbrennt mit Hilda, der Tochter eines Königs von Jütland, Höginus, einer Jungfrau von weitberühmter Schönheit, in gegenseitiger Liebe, noch ehe sie sich gesehen haben. Bei der ersten Begegnung kann keines die Augen vom andern abwenden. Höginus, der von ihrer Liebe nichts weils, ist von gewaltigem Körperbau und jähzorniger Gemütsart, Hithinus dagegen ist schön aber zarter von Körperbau. Beide verbünden sich zu einem Seeraubzug. Als dieser glücklich abgelaufen ist, verlobt Höginus dem Hithinus seine Tochter. Sie schliefsen ein Bündnis und geloben sich, dafs, wenn der eine getötet würde, der andre sein Rächer sein solle. Aber nach einiger Zeit wird Hithinus bei seinem Schwäher fälschlich verleumdet, dass erante sponsalium sacra Hilda verführt habe. Höginus glaubt dies und greift den Hithinus, der gerade bei den Slaven den königlichen Tribut einsammelte, mit einer Flotte an, wird aber geschlagen und flieht nach Jütland zurück. So war Frothos Friede durch die Ersten des Reichs gebrochen. Deshalb beschied Frotho sie vor sich. Als er aber sah, dafs sie nicht zu versöhnen waren, weil Höginus seine Tochter ungestüm zurückforderte, gestattete er den Zweikampf. Hithinus wird besiegt, aber sein Gegner, von seiner Jugend und Schönheit gerührt, schenkt ihm das Leben. Sieben Jahre später entbrennt der Kampf aufs neue bei der Insel Hithinsö, und beide töten sich gegenseitig. Aber Hilda soll ihren Gatten so heftig Seliebt haben, dafs sie allnächtlich die Leiber der Erschlagenen durch Gesänge zu erneutem Kampf erweckte.

¹) Der Bericht über diese Schlacht ist verwirrt; Geisterschlachten finden nach altgermanischer Anschauung nicht bei Tage, sondern nachts statt; vgl. Klee, zur Hildesage p. 17. ²) Nach Klee, zur Hildesage p. 5.