Aufsatz 
Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage / vom wissenschaftlichen Hilfslehrer Heinrich Schmitt
Entstehung
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Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage.

Vorbemerkung.

Nachdem W. Grimm in seinerDeutschen Heldensage eine sichere Grundlage für jede sagen- geschichtliche Forschung geschaffen hatte, sind teils Beiträge, teils Versuche zu einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage geliefert worden in folgenden Schriften: Plönnies: Kudrun, Leipzig 1853, p. 205 ff.; Uhland Schr. VII, 278 ff.; Hofmann in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie 1867, II, 208 ff.; Martin: Kudrun p. XVIII ff.; Klee: zur Hildesage, Leipzig 1873; Schnorf: der mythische Hintergrund im Gudrunlied und in der Odyssee, Zürich 1879. So tüchtig einzelne dieser Arbeiten auch waren, so schien mir die Aufgabe, ein klares Bild von der Entwicklung der Hilde- und Kudrunsage zu entwerfen, damit noch nicht gelöst zu sein; denn einerseits hatte ein sorgfältiges Studium der Quellen mir auch bezüglich der schon behandelten Fragen eine Anzahl neuer, bisher unbeachtet gelassener Gesichtspunkte aufgezeigt; andererseits] fand ich, daſs das mittelhochdeutsche Epos, die umfangreichste Quelle, entweder gar nicht oder nur bezüglich gewisser äufserer Momente oder ohne jede Rücksicht auf die dasselbe betreffenden kritischen Fragen behandelt war. Das infolge davon unternommene Studium der beiden wesentlich kritischen Schriften von Müllenhoff(Kudrun, Kiel 1845) und Wilmanns(die Entwicklung der Kudrundichtung, Halle 1873) zeigte mir nicht nur den Unterschied zwischen den unzweifelhaft alten Teilen der mhd Dichtung und den jungen Zudichtungen, sondern brachte mir mehrfach die Bestätigung wertvoller, auf anderem Wege gefundener Resultate; speziell stimmten Wilmanns' scharfsinnige Untersuchungen über die eigentliche Kudrunsage überein mit den eigenen, aus der Entwicklung der Hildesage gewonnenen Ergebnissen und lösten mirxeinzelne Schwierigkeiten, die bis dahin unlösbar geschienen hatten. Da nun in der letzten, auf Grund aller dieser Arbeiten erschienenen Abhandlung über die Hilde- und Kudrunsage von B. Symons (Einleitung zur Ausgabe der Kudrun, Halle 1883) der geschichtliche Entwicklungsgang der Sage nicht Kklar zu Tage tritt und meine Ergebnisse in wesentlichen Punkten von denen der genannten Untersuchung abwichen, so beabsichtigte ich zunächst inBeiträgen zu einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage diese Unterschiede darzulegen und zu begründen; erst die Erwägung, dals eine für weitere Kreise bestimmte Programmabhandlung womöglich ein allgemein verständliches Ganze enthalten soll, veranlafste mich statt einzelner, nicht zusammenhängender Ausführungen den vollständigen Versuch einer Geschichte der Hilde- und Kudrunsage zu veröffentlichen.

In dem mhd Epos Kudrun lassen sich bekanntlich drei genealogisch verbundene Teile unterscheiden: die Jugendgeschichte Hagens, die Entführung der Hilde aus dem Irenland, die Entführung der Kudrun aus dem Hegelingenland. Seit W. GrimmsDeutscher Heldensage steht es fest, dafs nur die Hildesage altes Gemeingut der germanischen Stämme gewesen ist; die Untersuchung hat mithin zunächst die für uns erkennbare älteste Gestalt der Sage, sodann ihre weitere Entwicklung und ihre Verbindung mit anderen

Sagen darzustellen. 1