4— Rufe und wird nach vorhergegangener Abſetzung Chilperichs auf einen Schild gehoben und feierlich dem Heere der Franken gezeigt: da drängen ſich zwei von Fredegunden gedungene Dienſtleute in ſeine Nähe und durchbohren ihn mit vergifteten Dolchmeſſern. ¹)
Brunichilde wird faſt am Ziele ihrer Wünſche in die größte Gefahr gebracht und fällt in die Hände ihrer bitterſten Feinde. Ihr erſt fünfjähriger Sohn Childebert war durch die Liſt des Herzogs Gundobald gerettet und am Tage des Weihnachtsfeſtes 575 zum Könige eingeſetzt worden.²) Für die Mutter ihres Herr⸗ ſchers indeß hatten die fränkiſchen Großen wenig Mitgefühl und ließen ſie in der Gewalt Chilperichs, der ſie nach Rouen verwies, ihre Töchter Ingunde und Chlodoſinda aber zu Meaur in ſtrengem Gewahrſam hielt. Die Verlaſſenheit, die Trennung von allem, was ihr lieb und werth, vermehrten noch den Groll Brunichildens; der Umſtand, daß dieſelbe Hand, die ihr die Schweſter getödtet, jetzt auch den Gatten getroffen, hieß ſie Kummer und Gram vergeſſen und alle Gedanken auf den Wunſch nach Rache richten: dafür allein lebt und wirkt ſie von nun an. Die Erlöſung aus der gegenwärtigen drückenden Lage kam ihr von einer Seite, von der ſie es am wenigſten erwarten konnte. Chilperich hatte von ſeiner erſten Frau Audovera drei Söhne, die von Fredegunden in jeder Weiſe zurückgeſetzt und gekränkt wurden. Der mittlere von ihnen, Merovech, hatte, im Jahre 576 mit einem Heere gegen Poitiers geſendet, zufällig Brunichilden geſehen und, von den Liebreizen der immer noch ſchönen Königin gefeſſelt, um ihre Hand geworben. Brunichilde, welche in ihm Beiſtand gegen die Feindin zu finden hoffte und der Gefangenſchaft überdrüſſig war, erhörte ſeine Bitte und ließ ſich von dem Biſchof Praetertatus zu Rouen mit ihm trauen.) Chilperich war hierüber wüthend, konnte aber dem Ehepaare nichts anhaben, weil es ſich in die Kirche des heiligen Martinus zu Rouen geflüchtet hatte und erſt dann ſein Aſyl verließ, als der König mit den heiligſten Eiden es nicht ſcheiden zu wollen gelobt hatte.¹) Wenn auch Chilperich verſöhnt ſchien und die Schwiegertochter mit Freund⸗ lichkeit behandelte, ſo verlor er doch nie das Mißtrauen gegen ſie und ließ, als ein Angriff auf Soiſſons gemacht worden war, der Fredegunden von dort zu fliehen genöthigt hatte, den Merovech der Waffen be⸗ rauben und gefangen nehmen.³) Brunichilden war es gelungen nach Metz zu flüchten, allein ſie fand dort keine freundliche Aufnahme. Die fränkiſchen Großen waren überhaupt jeder Herrſchaft abgeneigt und hatten Childebert nur deßhalb auf den Thron geſetzt, um die eigene Macht während der Minderjährigkeit des Königs zu vermehren: wie mochten ſie daher, deren Geſetze die Herrſchaft eines Weibes gar nicht duldeten, einer Fremden gehorchen, von der ſie wußten, daß ſie allen Uebergriffen entgegentreten würde! Sie kränkten ſie auf jede Weiſe und verweigerten dem Merovech, der, von dem Vater zum Kloſter beſtimmt, ſeinen Wächtern entſprungen und nach vielen Gefahren nach Metz gelangt war, Gaſtfreundſchaft und Schutz. Der Unglück⸗ liche mußte weiter fliehen und ließ ſich endlich, an ſeinem Geſchicke verzweifelnd, von ſeinem Diener Gailen tödten, der, wie man behauptet, im Auftrage der Fredegunde gehandelt hatte.5)
Wiederum war Brunichilde Wittwe, doch hatte ſich ihre Lage in ſo weit gebeſſert, daß ſie für den Augenblick vor ihren Feinden ſicher war. Der kinderloſe Gunthramm nämlich hatte ſich mit ſeinem Bruder
¹) Hist. Franc. 4, 52. Tunc duo pueri cum cultris validis, quos vulgo scramasaxos voeant, infectis veneno, maleficati a Fredegunde regina, cum aliam causam se gerere simularent, utraque ei latera feriunt.
²) Hist. Franc. Epit 72. Factione Gundoaldi ducis Childebertus in pera positus per fenestram a puero acce- ptus est. Vergleiche Hist. Franc. 5, 1.
¹) Hist. Franc. 5, 2. 3
¹) Praetextatus mußte ſeinen Fehler ſchwer büßen und wurde ſpäter auf Befehl der Fredegunde am Altar ſeiner Kirche ermordet. Hist. Franc. 8, 31.
5⁵) Hist. Franc. 5, 3.
⁴) Hist. Franc. 5, 19. Gailenus eum eultro confodit. Adveniente autem Rege mortuus est repertus. Exsti-
terunt tune, qui adsererent verba Merovechi a Regina fuisse conficta, Merovechum vero ejus fuisse jussu clam interemtum.(a. 577.)


