Aufsatz 
Die Frankenkönigin Brunichilde
Entstehung
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2 hat das Recht der Natur noch nicht verdrängt; ſie theilen das Reich unter ſich, beſtreben ſich jedoch trotz der Zerſtückelung mit vereinigten Kräften die fränkiſche Monarchie immer weiter auszubreiten und zu ver⸗ größern. Nach dem Tode Chlothars I., der alle ſeine Brüder überlebte und wieder das ganze Frankenreich an ſich brachte, wird das Land unter die nachgelaſſenen Söhne deſſelben getheilt, ſo zwar, daß Charibert die weſtliche Hälfte der Armorica mit Paris, Gunthramm Burgund mit Orleans, Chilperich das ſaliſche Franken mit Soiſſons, Sigibert das ripuariſche Gebiet mit Rheims als Hauptſtadt zufiel. Chilperich, der habſüchtigſte von allen, war mit ſeinem Antheile unzufrieden und benutzte die Abweſenheit des gegen die Avaren zu Felde gezogenen Sigibert, um in deſſen Land einzufallen und Rheims zu erobern. Sigibert kehrte eilig zurück und ſchlug den Chilperich, aber voll Mäßigung verzieh er dem Bruder und gab ihm ſogar ſeinen gefangenen Sohn Theodebert reich beſchenkt und ohne Löſegeld zurück.1) An Charakter den Brüdern ſehr unähnlich und in ſeinem ſittlichen Gefühle tief beleidigt über das Leben derſelben, die ſich ſogar nicht ſcheuten Mägde zur Ehe zu nehmen,) beſchloß Sigibert ſie durch das eigene Beiſpiel auf beſſere Wege zu bringen und eine rechtmäßige Gattin in ſein Haus einzuführen. Sein Auge fiel auf Brunichilden, um deren Hand er durch den Edlen Gogo werben ließ.

Brunichilde, eigentlich Bruna genannt und, wenn man Fredegar glauben darf, nur darum Brunichilde geheißen, damit ihr Name größer und ſtattlicher würde,3) war die Tochter des Weſtgothenkönigs Athanagild von Spanien und ſeiner Gemahlin Gunſvintha.¹) Ueber das Jahr ihrer Geburt, ihre Jugend und Erziehung ſind wir ganz ohne Nachrichten und können nur ſagen, daß ſie alle Vorzüge des Körpers und Geiſtes in reichem Maße beſeſſen haben muß. Gregor von Tours ſchildert ſie als eine Jungfrau von ſchöner Geſtalt, ſchönem Geſichte, ehrbaren und züchtigen Betragens, klug und feſſelnd in der Unterhaltung,²) und der italiſche Dichter Venantius Fortunatus, der ihre Vermählung in zwei Gedichten beſang, nennt ſie:

Pulchra, modesta, decens, solers et grata, benigna, Ingenio, vultu, nobilitate potens.)

Brunichilde gab der durch Gogo überbrachten Werbung Gehör, verließ ihr lachendes Spanien und ging, von reichen Geſchenken begleitet, die das Staunen der Franken erregten, nach der Heimath des künftigen Gatten. Sigibert empfing ſie mit Freuden und nahm ſie im Jahre 566 unter großen Feſtlichkeiten zu ſeiner Gemahlin. Da jedoch eine arianiſche Königin dem rechtgläubigen Volke der Franken ein Dorn im Auge geweſen ſein würde, ſo entſagte Brunichilde dem väterlichen Glauben, bekannte ſich zur katholiſchen Kirche und verharrte darin treu bis an ihr Lebensende. Der Zauber ihrer Perſönlichkeit in Verbindung mit dem Einfluſſe Sigiberts bewog Chilperich, obſchon er bereits mehrere Weiber hatte, dem Beiſpiele des Bruders zu folgen und ſich um Galeſpintha, Brunichildens ältere Schweſter, zu bewerben. Er wolle die anderen Weiber verlaſſen, nur möge man ihm die Hand eines ebenbürtigen Königskindes nicht verweigern. Athana⸗ gild traute ſeinen Verſprechungen, und Galeſpintha wurde, reich ausgeſtattet, 567 an Chilperich vermählt, deſſen Liebe jedoch nicht von Dauer war und überhaupt nur durch äußere Gründe veranlaßt geweſen zu

¹) Die AusgabeGregorii Turonensis opera omnia nec non Fredegarii scholastici epitome et ehronicum ed. Ruinart, Paris, 1699 iſt bei den nachfolgenden Citaten zu Grunde gelegt. Hist. Franc. 4, 23.

2) Hist. Franc- 4, 27. Sigibertus, cum videret, quod fratres per vilitatem suam etiam ancillas in matrimoni- um sociarent, Brunichildem petiit. Erat enim puella elegans opere, venusta adspectu, honesta moribus atque decora, prudens consilio et blanda colloquio.

³) Hist. Franc. Epit. 57. Sigibertus Gogonem ad Athanagildum direxit petens, ut ei filiam suam, Brunam no- mine, conjugio traderet, quam Athanagildus Sigiberto ad matrimonium transmisit. Ad nomen ejus ornan- dum et augendum est determinatum, ut vocaretur Brunichildis.

*) Ueber Gunſvintha vergleiche Hist. Franc. 4, 38. 5, 39. 9, 1.

) Venantius Fortunatus(ed. Brower, Mainz, 1603.) VI. 3. In c. VI, 2, welchesde nuptiis Sigiberti regis, Bru- nichildis reginae überſchrieben iſt, wird Brunichildens Schönheit gelobt; encomium Brunichildis a Venere.