Die Frankenkönigin Brunichilde.
So hohe Befriedigung es einem edlen Gemüthe gewähren mag, die großen Thaten der Vorzeit der Nach⸗ welt zur Bewunderung und Nacheiferung zu überliefern, ſo iſt es auf der anderen Seite der traurige Beruf der Geſchichte, daß ſie auch das Andenken an Schmach und Verbrechen erhält und erhalten muß. Der alte Spruch:„de mortuis nil nisi bene!“ darf ihr nicht als Richtſchnur gelten, denn er machte ſie vollſtändig unmöglich: die Gerechtigkeit verlangt, daß der Geſchichtſchreiber alles berichte, damit jeder ſeiner Leſer ſich ein Urtheil zu bilden in Stand geſetzt ſei. Aber das Schreiben„sine ira et studio“ iſt ein ſchweres, ja bei der Natur des Menſchen kaum zu erreichendes Ziel; die Individualität, der Patriotismus machen ſich geltend und zeigen dem Einen als gut, was dem Anderen als böſe erſcheint. Aeußerer Vortheil, Geld und Ehre haben ebenfalls manchen Schriftſteller vom rechten Wege abgebracht, ganz abgeſehen von denjenigen, welche Irrthum und Unwiſſenheit, Haß und Feindſchaft von der Wahrheit abzuweichen veranlaßten. Für den Hiſtoriker iſt dieſer Fehler um ſo härter, als er nicht für die Gegenwart ſchreibt und darum bei der Neigung des Menſchen, das Schlechte zu glauben, dem Einzelnen, wie dem ganzen Volke, Ruhm und Ehre für immer abzuſchneiden vermag. In der Geſchichte von Zeiten, die uns nahe liegen, bringt Partellichkeit weniger Gefahr, weil die Quellen reichlicher fließen: ganz anders aber geſtaltet ſich die Sache, wenn wir in die graue Vorzeit zurückgreifen, aus welcher der nagende Zahn der Zeit oder der tückiſche Zufall nur dürftige Kunde erhalten haben. Die Anſchauung unſerer wenigen Gewährsmänner erbt dann weiter fort; wir ſehen mit ihren Augen, loben und werdammen mit ihnen und bilden ein Urtheil über eine hiſtoriſche Perſönlichkeit, das vielleicht entgegengeſetzt ausfallen würde, wenn wir aus weiteren Berichten ſchöpfen könnten. Ganz beſonders iſt es die Frankenkönigin Brunichilde, die unter dieſer Ungunſt des Schickſals zu leiden hat, und auf deren Haupt ohne weitere Prüfung Schuld und Verbrechen gehäuft zu werden pflegen. Eine ge⸗ nauere Betrachtung ihres Lebens, welche ſich hauptſächlich auf Gregor von Tours und den angeblichen Fredegar ſtützt, duͤrfte indeß ihren Charakter in einem milderen Lichte erſcheinen laſſen und ſie von manchen der ihrem Rufe anhaftenden Flecken reinigen können.
Das Wort Oectavio Piccolomini's:
„Das eben iſt der Fluch der boͤſen That,
Daß ſie, fortzeugend, immer Böſes muß gebären,“ bewährt ſich in der Geſchichte des merovingiſchen Königshauſes. Chlodovechs Sohne haben von dem Vater die Tugenden, wohl aber auch ſeine Raubgier, Argliſt und Grauſamkeit geerbt. Das Neit der Erſtgeburt


