Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
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Viertes Buch. Emil vom fünßzehnten Lebensjahre bis zu ſeiner Verheirathung.

27. Pubertät. Selbſtliebe. Eigenliebe. Unſchuld.

Die Pubertät tritt nun ein und mit ihr die Leidenſchaften, deren Quelle die Selbſtliebe iſt. Der Knabe wird jetzt taub gegen die Stimme, welche ihn leitet. Der Erzieher werde jetzt der Freund und Vertraute des Zöglings. Ein Jüngling, der bis zum zwanzigſten Jahre ſeine Unſchuld bewahrt hat, iſt in dieſem Alter der liebenswürdigſte Menſch. Das beſte Mittel, dieſe Unſchuld zu erhalten iſt, daß die Umgebung des Jünglings ſie achtet.

28. Glück. Liebe. Mitleid. Dankbarkeit.

Man leite den Zögling an, daß er ein Scheinglück nicht für das wahre halte. Die Freundſchaft erwacht eher, als die Liebe. Nicht das Gefühl der Freude, ſondern das des Leidens zieht uns am meiſten zu unſeren Nebenmenſchen hin. Das Kind hat keine Vorſtellung von fremdem Leiden, alſo auch kein Mit⸗ gefühl. Jetzt, wo ihm die Phantaſie die Leiden anderer ſich vorſtellen läßt, er⸗ wacht auch das Mitleiden. Die Dankbarkeit fange damit an, daß er in ſeinem Erzieher den größten Wohlthäter erkennt.

29. Menſchenkenntniß.

Man muß die menſchliche Geſellſchaft an den Menſchen und die Men⸗ ſchen an der menſchlichen Geſellſchaft kennen lernen. Emil ſoll die Menſchen be⸗ klagen, aber nicht haſſen lernen.

30. Geſchichte.

Damit er die Menſchen nur lieben und nicht haſſen lerne, ſoll er ſie nur von ferne, in der Geſchichte kennen lernen. Er wird ſie dann, ihrer guten Seiten wegen, ſchätzen, weil er glaubt, alle Menſchen ſeien ſo und wegen ihrer ſchlechten nicht haſſen, weil er die jetzigen Menſchen für beſſer, als die in ver⸗ gangenen Zeiten lebenden, halten wird..

Was iſt das für eine unheilvolle, ſeinen eigenen Grundſätzen widerſprechende Marime, den Jüngling in eine ſolche Traumwelt zu verſetzen. Kein Wunder, daß Emil ſpäter, wo ihm über den wahren Verhalt der menſchlichen Verhält⸗ niſſe die Augen geöffnet werden, an den Menſchen verzweifelt und nicht mehr unter ihnen leben will.

Die ſchlimmſten Geſchichtsſchreiber für einen jungen Menſchen ſind die, welche urtheilen. Blos Thatſachen, Thatſachen! Jetzt iſt es auch Zeit, die Fabeln kennen zu lernen; denn ſie handeln meiſtens von den Fehlern der Menſchen.

31. Religionsunterricht.

Locke will, daß man mit dem Studium der Geiſter anfängt und darnach zu demjenigen der Körper ſchreitet. Dieſer Erziehungsgang führt zum Aber⸗ glauben, zu Irrthümern und Vorurtheilen. Da ſich Gott unſern Sinnen ent⸗ zieht, muß er auch derjenige Gegenſtand ſein, über den die Zöglinge zuletzt