Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
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16. Geographiſcher Unterricht.

Der geographiſche Unterricht habe es nicht mit Zeichen, ſondern mit der Erde ſelbſt zu thun. Sonſt kann es dem Zöglinge gehen, wie manchem gelehrten Profeſſor, der in Hellas und Italien genau Beſcheid weiß und doch die Straßen ſeiner Vaterſtadt nicht kennt.

18. Auswendiglernen.

Der Schüler ſoll nichts auswendig lernen, nicht einmal Lafontaine's Fabeln. In dieſen Fabeln liegt die Wahrheit nicht offen zu Tage. Wenn man den Kindern die Wahrheit mit einem Schleier verhüllt, nehmen ſie ſich nicht die Mühe, denſelben zu lüften.

19. Erziehung zur Geiſtesgegenwart.

Das Kind ſoll das merken, was um daſſelbe vorgeht. Auf dieſe Weiſe wird ſein Gedächtniß geübt und es wird lernen, in jeder Lage des Lebens ſo gleich das Rechte zu ergreifen.

20. Wie man eigenwillige Kinder zähmt.

Ein Kind, eines der verzogenſten, die man ſich denken kann, wollte um Mitternacht aufſtehen. Es ſpringt aus ſeinem Bette und weckt ſeinen Hauslehrer. Derſelbe erhebt ſich und zündet ein Licht an. Nun iſt das Kind befriedigt. Nach einer Viertelſtunde überwältigt es der Schlaf. Nach zwei Tagen macht es das⸗ ſelbe Manoeuvre, mit demſelben Erfolge. Nach einigen Tagen wiederholt es die Comödie; aber dieſesmal bleibt der Erzieher ruhig in ſeinem Bette liegen. Das Kind ſucht ſelbſt Feuer anzuſchlagen, was ihm aber nicht gelingt. Hierauf macht es einen entſetzlichen Lärm im Zimmer. Der Lehrer bleibt immer noch ruhig liegen. Endlich verläßt er ſein Lager, zündet das Licht an und führt das Kind in ein dunkles Zimmer, wo es ſeine Wuth an nichts, als an den leeren Wänden, auslaſſen kann. Am andern Morgen findet es der Lehrer ſchla⸗ fend auf einem Ruhebette ausgeſtreckt. Das Kind wurde nie wieder widerſpenſtig.

Den übrigen Theil des zweiten Buches nimmt die Beſchreibung der Sinnes⸗ bildung ein. Rouſſeau macht dabei manch' treffende Bermerkung; beſonders iſt, was er über die Uebung des Taſtſinnes ſagt, ganz ausgezeichnet.

Die Kinder müſſen lernen, ſich in einem dunklen Zimmer, ohne anzu⸗ ſtoßen, zwiſchen umhergeſtellten Meubeln zu bewegen. Man ſtelle die Aufgabe, etwas, was dicht an eine weißgefärbte Wand geſtellt iſt, ohne ſich zu beſchmutzen, zu holen. Wer das vollbringt, bekommt einen Preis. Es wird viel Heiter⸗ keit erregen, wenn ein Kind, ſiegesgewiß mit dem geforderten Gegenſtande eintritt, und es ſich dann aber herausſtellt, daß es an ſeinem Hute, an ſeinen Rockzipfeln, Fußſpitzen u. ſ. w. weiß iſt.

Emil hat nun ſein zwölftes Jahr erreicht. Er iſt ein in allen Sinnes⸗ thätigkeiten geübter Knabe; aber ohne alle Phantaſie, ohne Poeſie, ohne Liebe und ohne Gott!