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12. Sittlich religiöſe Erziehung.
„Man muß ſelbſt Mann ſein, um das Kind zum Manne erziehen zu kön— nen. Man bewahre das Kind, den Menſchen in ſeiner Erniedrigung zu ſehen. Gewahrt es einen Zornigen, ſo ſage zu ihm:„Dieſer Mann iſt krank“.“
13. Begriffe über das Eigenthum.
„Man laſſe das Kind etwas auf ein Beet im Garten ſäen, wo der Gärt⸗ ner ſchon etwas hingeſäet hat. Der Gärtner wird wüthend darüber. Man ſagt dem Kinde, der Gärtner habe Recht, ungehalten zu ſein; denn er habe das Beet zuerſt beſäet. Das Kind bekommt nun ein anderes unbeſäetes Beet, welches es fur ſich benutzen darf. Der Gärtner ſagt ihm:„Störſt du meine Sämerei, ſo ſtöre ich die deinige.“ Hierdurch lernt das Kind den Begriff Eigenthum bis zu dem hinauf verfolgen, der das Recht der erſten Beſitznahme durch die Arbeit hat.
Zerbricht das Kind ein Fenſter, ſo laſſe man es im Zuge ſitzen. Kommt die Ungezogenheit abermals vor, ſo ſperre man es in ein dunkles Zimmer ein. Wer Fenſter muthwilliger Weiſe zerbricht, iſt nicht werth, welche zu haben.“
14. Moral.
„Es giebt zwei Arten der Lüge: diejenige der Thatſachen, welche die Ver⸗ gangenheit betrifft, und diejenige des Rechts, welche die Zukunft betrifft. An allen Lügen iſt der Lehrer ſchuld. Man fordere keine Verſprechen von den Kin⸗ — d ſie nicht halten können. Man inquiriere ſie nicht, wenn etwas vorge⸗ allen iſt,. Zur Wohlthätigkeit werden die Kinder geleitet, wenn man ſie ihre Spiel⸗ ſachen, die ſie zu ſchätzen wiſſen, nicht Geld, deſſen Werth ſie noch nicht kennen, verſchenken läßt.“
15. Würdigung der Kinder.
„Man ſei vorſichtig im Beurtheilen derſelben. Nichts iſt z. B. bei einem Kinde ſchwerer, als die wirkliche Dummheit von der ſcheinbaren, täuſchenden, die unter ſich oft tüchtige, auf ſich ſelbſt beruhende Charaktere verbirgt, zu unter⸗ ſcheiden. Man überbürde die Kinder nicht mit läſtigem Stillſitzen und lang⸗ weiliger Beſchäftigung. Plato fordert in ſeiner„Republik“ nichts von den Kindern, als daß ſie zu genießen lernen und Seneca ſagt von der römiſchen Jugend, daß ſie beim Unterrichte immer ſtand und daß man ihr nichts lehrte, was ſie hätte im Sitzen lernen müſſen.“ Wohl zu beachtende Worte für uns.
16. Worte. Erlernen von Sprachen.
„Da die Kinder kein Urtheil beſitzen, können ſie auch kein Gedächtniß haben. Die Kinder lernen Worte, nichts als Worte. In den Geiſt fremder Sprachen kann ſich das Kind gar nicht verſetzen. Lernt es lateiniſch ſprechen, ſo ſpricht es ein franzöſiſches Latein. Ohne die Ideen einer Sprache, ſind die darſtellenden Zeichen nichts. Von erhabenen Gedanden verſtehen die Kinder nichts. Daß Alexander die Pille, die ihm von ſeinem Arzte Philipp gereicht wurde, verſchluckte, ruft bei dem Kinde keine andere Bewunderung hervor, als diejenige der Thatſache, daß er eine ekelhaft ſchmeckende Arznei mit ſo viel Muth einnahm.“
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