Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
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kann nun ſprechen. Mit dem Sprechen beginnt ein neues Leben für daſſelbe. Es weint Jest weniger. Es kann ſeinen Schmerz nun auch durch Worte aus⸗ drücken. an nehme an dem Schmerze des Kindes Theil, bezeuge ihm aber kein unnöthiges Mitleiden. Hat es ſich z. B. geſchnitten, ſo bleibe man im An⸗ fange ruhig. Man laſſe es weinen. Erſt, wenn es ſich beruhigt hat, gehe man zu ihm und tröſte es. Wie man es beim Schmerze ſich ſelbſt üͤberläßt, ſo thue man es auch bei den natürlichen Fertigkeiten. Man lehre dem Kinde nichts, was es von ſelbſt lernen kann. Gängelbänder z. B. ſind beim Erlernen des Gehens unnütz. Man bringe das Kind am beſten auf eine Wieſe, damit es ſich beim Fallen keinen Schaden thun kann, und überlaſſe ihm die Verſuche, das Laufen zu lernen, ſelbſt. Warum das Kind mit allerlei Einſchränkungen ſo ſehr beläſtigen? Man muß ihm die Gegenwart, der Zukunft wegen, nicht verbittern.

Man lehre den Kindern auch ferner nichts, was ſich von ſelbſt verſteht.

Beſonders in Elementarſchulen wird ſehr gegen dieſen Satz gefehlt. Wenn ich einen Lehrer, mit Anwendung von pädagogiſcher Klopffechterei, ſich bemühen ſehe, Kindern ſelbſtverſtändliche Dinge beizubringen, ſo fällt mir immer die naive Bemerkung eines kleinen, geweckten Buben ein, der ſeinen Lehrer, der auch allerlei bekannte Dinge aus ihm herauskatechiſieren wollte, fragte:Warum fragen Sie denn nach allen den Sachen, die ſie doch ſchon ſelbſt wiſſen?

8. Abhängigkeit der Kinder, ſtatt des Gehorſams.

Das Kind ſoll ſeine Schwachheit fühlen, aber nicht darunter leiden. Es muß lernen, nur der Nothwendigkeit zu gehorchen. Man muß ihm nur ſolche Strafen, die aus ſeinen Handlungen hervorgehen, geben. Man gewöhne es auch nicht an nichtsſagende Höflichkeit. Es iſt mir lieber, das Kind ſagt:Mach das! als:Ich bitte.

Wie arm iſt doch dieſe Gehorſamslehre! Den ſchönen, viel wirkſameren Faktor,das Kind ſoll aus Liebe und Vertrauen zu dem Erzieher, gehorchen, will er bei derſelben nicht anerkennen.

9. Räſonnieren mit Kindern.

Locke's Princip, man muß mit den Kindern räſonnieren, iſt falſch. Das

Meiſte von dem Räſonnement verſtehen die Kinder noch nicht. Räſonnieren heißt

mit dem Ende anfangen wollen, das Werkzeug für das Werk nehmen. Räſonnie⸗

ren kann nur der Erwachſene. Das Kind kann nicht Mann ſein, ehe es Kind

eweſen iſt. Disputiert nicht mit dem Kinde, wer von euch Meiſter ſein ſoll. an gebe den Kindern keine Lehren durch Worte, ſondern durch Erfahrung.

10. Gegen Erbſünde.

Es giebt keine urſprüngliche Verderbtheit im menſchlichen Herzen. Das Kind thut Böſes, ohne die Abſicht zu haben, zu ſchaden. Hätte es einmal die Abſicht, Böſes zu thun, ſo wäre es unwiederbringlich verloren.

11. Negative Erziehung.

Die wichtigſte Erziehungsmaßregel iſt, nicht Zeit zu gewinnen, ſondern zu verlieren.