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der Gewöhnung. Emil darf ſie nicht kennen lernen. Er wird z. B. an den Anblick widerlich ausſehender Masken dadurch, daß man mit dem Vorzeigen einer hübſchen anfängt und dann ſtufenweis zu häßlichen herabgeht, an Gewehr⸗ knall dadurch, daß man mit Zündhütchen beginnt und mit dem Gekrach der Kanonen aufgehört, gewöhnt.“
Dieſe methodiſche Gewöhnung an ſinnliche Eindrücke iſt pädagogiſch ſehr richtig und iſt auch von Peſtalozzi nachgeahmt worden.
„Zu der Zeit, wo das Kind an ſolche Eindrücke gewöhnt werden muß, hat es noch keine Sprache in Worten. Es drückt ſein Behagen durch Lächeln, ſein Unbehagen durch Weinen aus. Findet man den Grund dieſes letzteren nicht, ſo ſchmeichelt man dem Kinde, oder man ſtraft es.“ Ein ungerechtes Strafen, kann auch das kleinſte Kind ſchon tief beleidigen. Rouſſeau erzählt ein Bei⸗ ſpiel hiervon.„Ich werde es nie vergeſſen“, ſagt er,„als ich einſt ſah, wie ein ſolches Kind geſchlagen wurde. Es ſchwieg b der Stelle. Ich hielt es für eingeſchüchtert. Ich ſagte zu mir ſelbſt: Das wird ein ſklaviſcher Geiſt werden, von dem man nie etwas auf andere Weiſe, als durch Strenge erlangen wird. Ich täuſchte mich. Das unglückliche Kind erſtickte faſt vor Zorn. Es hörte auf, zu athmen. Ich ſah es blau werden. Einen Augenblick nachher fing es heftig an zu ſchreien. Alle Zeichen des Zornes, der Wuth und der Verzweffeung, deren ein ſolches Alter fähig iſt, lagen in dieſen Tönen. Wenn ich gezweifelt hätte, daß das Gefühl füͤr Recht und Unrecht dem Menſchen angeboren ſei, würde mich dieſes Beiſpiel davon überzeugt haben.“
„Die Kinder weinen nie aus Bosheit, ſondern nur im Gefühl ihrer Schwäche. Giebt man ihnen aber nach, ſo werden ſie Tyrannen, was ſie von Natur aus nicht ſind.“
Alle dieſe Bemerkungen ſollen die angeborne Unſchuld des Kindes darthun.
„Das Kind ſoll weder den Menſchen, noch den Gegenſtänden befehlen. Will es Etwas haben, ſo iſt es beſſer, man bringt es zu dem Gegenſtande, als den Gegenſtand zu ihm. Bis jetzt hat das Kind ſeine Wünſche nur durch Ge⸗ berden ausgedrückt. Endlich fängt es an, einige Worte zu lallen. Es lernt ſprechen. an ſoll ihm nicht mehr Worte beibringen, als ſolche, mit denen es einen genauen Begriff verbinden kann. Daß die Landleute oft mehr geſunden Sinn haben, als die Städter, kommt wohl daher, daß ſie einen geringeren Wort⸗ ſchatz beſitzen. Sie haben weniger Ideen; aber ſie vergleichen dieſelben mehr mit einander.“
Dieſe Worte möchte ich in einer erweiterten Bedeutung auf unſere moderne Unterrichtsweiſe angewandt wiſſen. Weniger Unterrichtsgegenſtände zu haben, und dieſelben mehr mit einander in Beziehung zu bringen, wäre nöthig. Wird das nicht beobachtet, ſo wird unſer nachkommendes Geſchlecht zur 5 Außrenhen und Vielwiſſerei und, was die nothwendige Folge davon iſt, zur Eitelkeit erzogen.
Zweites Buch. Emil's Kindheit bis zum zwölften Lebensjahre. 7. Unnützes Mitleid. Unnützes Lehren. Gegenwart der Zu⸗ kunft geopfert. „Jetzt verdient das Kind den Namen„enfant“, welches Wort ja ein Weſen, das nicht ſprechen kann, bezeichnet, eigentlich nicht nicht mehr. Das Kind 5


