Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
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ſehen, Rouſſeau ſtellt hier Erziehung für die Familie und Erziehung für den Staat einander ſchroff gegenüber, was grundfalſch iſt. Der Menſch muß für beide erzogen werden. Staat ohne Familie, Familie ohne Staat iſt nicht denkbar.

. 3. Neugeborne Kinder. Mütter. Ammen, Die Hebammen modeln unſern Kopf äußerlich, die Philoſophen innerlich.

Beide bringen, die einen eine körperliche, die andern eine geiſtige Unnatur hervor. Das neugeborne Kind wird durch Windeln und Bänder ſo eingeengt, daß es ſeine Glieder nicht frei bewegen kann. Man hindere die Kinder ſo wenig als möglich am freien Gebrauche ihrer Gliedmaßen. Wie lange hat es gedauert, bis dieſe Worte Rouſſeau's von uns beachtet und befolgt worden ſind.Die Mütter wollen ihre Kinder nicht mehr ernähren; ſie vertrauen ſie fremden Frauen an, welche ſich die Mühe ſo leicht als möglich machen. Wie können die Mütter Gegenliebe von ihren Kindern erwarten, wenn ſie ſie auf eine ſo liebloſe Weiſe Miethlingen überlaſſen. Keine Mutter, kein Kind. Sehr zu beherzigende Worte, beſonders in unſexer jetzigen Zeit, wo ſich die Mütter auch nur Fe ten mit der Ernährung ihrer Kinder befaſſen wollen.

.. 4. Der Vater.. Der Vater ſoll der Lehrer des Kindes ſein. Der gibt aber oft vor, nicht Zeit zu haben. Wehe ihm! Es liegt ein ſchwerer Fluch auf der Verſäumung

der Vaterpflicht!. 1

Rouſ

ſeau gedenkt hier ſeiner eigenen Schuld.

. 5. Hofmeiſter. Zögling.. Man nehme keinen bezahlten Hofmeiſter für ſein Kind. Ein ſolcher wird nicht der Herr, ſondern der Diener des Zöglings ſein. Es jiſt nicht nöthig, daß der Zögling ein eminenter Kopf iſt. Er wohne am beſten auf dem Lande und in einer gemäßigten Gegend. Arznei ſoll er nie kennen lernen. Heilt die Arzneikunſt uns auch den Leib, ſo erniedrigt ſie uns doch und raubt uns den Muth. Die Natur helfe ſich ſelbſt.

Ganz ſchön! Das muß aber auch ein äußerſt kräftiges Kind ſein, das man auf ſolche Weiſe behandeln kann. Bei den Kindern der Landleute, die ja meiſt nach der von Rouſſeau vorgeſchlagenen Maxime behandelt werden, geht das wohl ganz gut. Wie viele Kinder aber, beſonders in Städten, die nicht mit einem robuſten Körper geboren werden, und ſomit auch, wie manch herrliches Talent würde zu Grunde gehen, wollte man ſie in Krankheitsfällen ganz ohne ärztliche Bahandlünd laſſen. Dieſes Schonen und Pflegen der ſchwachen Kinder iſt ja gerade der Grund, daß wir, wenn auch nicht in phyſiſcher, ſo doch in eiſtiger Beziehung höher ſtehen als die Alten. Und wo bliebe bei einer ſolchen

ernachläſſigung der ſchwächlichen Kinder das Prinzip der chriſtlichen Liebe? Rouſſeau hätte ſich nur gleich offener ausſprechen und das Ausſetzen der ſchwachen Kinder, wie es bei den Spartanern geſchah und bei den Chineſen noch vorkommt, verlangen ſollen.. 4:

6. Erſte Erziehung unter Leitung des Hofmeiſters. 2 Das Werk des Hofmeiſters beginnt mit der Geburt des Kindes. Man gewöhne das Kind, keine Gewohnheiten zu haben. Auch die Furcht iſt eine Folge