Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
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31 Gehen wir nun nach dieſer kurzen Lebensbeſchreibung Rouſſeau's zu

Emil

über. Dieſes Werk iſt kein Syſtem der Pädagogik im gewöhlichen Sinne. Rouſſeau ſelbſt nennt es einen Entwicklungsgang der menſchlichen Natur. Es zerfällt in fünf Bücher. Das erſte handelt von der Geburt des Kindes bis zu der Zeit, wo es anfängt zu reden; das zweite von da bis zum zwölften Jahre; das dritte ſchließt mit dem fünfzehnten Lebensjahre des Knaben; das vierte zeigt uns Emil bis zu ſeiner Verheirathung und das fünfte enthält die Erziehung Sophiens, der künftigen Gemahlin Emil's, und die ſpäteren Lebensſchickſale Emil's. Der letzte Theil des Buches nimmt nach ſeinem Aus⸗ gange zu ganz den Charakter eines Romanes an.

ſeinem

Erſtes Buch. Einleitung. Emil's erſtes Lebensjahr.*)

1. Natur und Kunſt.

Alles iſt gut, was aus der Hand des Schöpfers hervorgeht. Alles artet aus unter den Händen der Menſchen. Die zärtliche, vorſichtige Mutter muß das Kind von der Landſtraße fern halten und das aufkeimende Bäumchen vor dem Stoße menſchlicher Meinungen bewahren.

2. Drei Erzijſeher.

Der Menſch hat drei Erzieher: Die Natur, die Menſchen und die Um ſtände. Auf den erſten und letzten haben wir keinen Einfluß, nur der zweite iſt, wenn auch nur bis zu einem gewiſſen Grade, in unſerer Macht. Natur und bürgerliche Einrichtungen widerſtreben einander oft. Was ſoll man nun erziehen? einen Bürger oder einen Naturmenſchen? Einen Naturmenſchen. Wie erreicht man eine ſolche Erziehung? Man ſoll die ſchädlichen Einflüſſe vom Kinde ab⸗ halten. Man ſoll verhindern, daß Etwas gethan werde. Der Menſch erlerne Alles durch Uebung, Nichts durch Lehre. Dieſer Satz enthält eine erhabene, nicht genug zu beherzigende Wahrheit. Er iſt dem Peſtalozzi'ſchem PrinzipAlles durch Anſchauung ſehr verwandt. Durch die Art und Weiſe aber wie Rouſſeau dieſen Satz bei der Erziehung ſeines Zöglings durchführt, entſteht leicht die Gefahr, daß derſelbe ſich überhebt und denkt, er ſei Alles durch ſich ſelbſt ge⸗ worden. Das iſt in der That auch das Ideal, welches ſich Rouſſeau von ſeinen Naturmenſchen macht. Er ſagt:Der natürliche Menſch iſt Alles für ſich. Er iſt eine Zahleneinheit, eine unabhängige Einheit.Der Menſch ſoll nicht nach Cosmopolitismus ſtreben. Die Individualität ſoll man nie auf⸗ geben. Man ſoll nicht im Staate aufgehen, wie die Römer es thaten, bei denen ein Bürger nicht Cajus, nicht Lucius, ſondern ein Römer war. In der bürger⸗ lichen Ordnung läßt ſich die urſprüngliche Reinheit der natürlichen Gefühle nicht aufrecht erhalten. Bürger ſein und Menſch ſein läßt ſich nicht vereinigen. Der gemeinſame Beruf, für den Alle gebildet werden ſollen, iſt Menſchlichkeit. Wir

*) v. Raumer, Geſchichte der Pädagogik II. Thl. p. 225 ff.