Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
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Wir ſehen, daß hier eine Anſchauung zu Tage kommt, die der Rationalismus noch heute vertritt und wie auch Leſſing eine ähnliche hat. Leſſing meint mit dem Gleichniſſe von den drei Ringen*) in ſeinem Nathan nichts anders, als daß eine geoffenbarte Religion ſo gut wie die andere iſt. Da wir nun aber z. B. die mohamedaniſche Religion, die Leſſing auch zu den geoffenbarten zählt, als Menſchenwerk betrachten, 5 kann auch, nach ſeiner Behauptung, die chriſt⸗ liche Religion nur als Menſchenwerk betrachtet werden. Was kann ſich wohl Rouſſeau bei den Worten,man ſoll es dem Erwachſenen überlaſſen, ſeine Religion zu wählen, gedacht haben? Wie ſoll ein Menſch, der bis zu ſeinem zwanzigſten Jahre noch nichts von göttlichen Dingen gehört hat, dann uͤberhaupt im Stande ſein, über die Wahrheit oder Falſchheit der Lehren irgend einer Religion ein Urtheil fällen zu können.

1762 begab ſich Rouſſeau, da auch in Yvperdon ſeines Bleibens nicht war, nach Motiers und ſtellte ſich unter den Schutz Friedrich's des Großen, den dieſer ihm bereitwilligſt angedeihen ließ, obgleich derſelbe 16 Jahre früher für einen ähnlichen, Voltaire erwieſenen Dienſt, mit dem ſchwärzeſten Undank belohnt worden war. Auch hier ſollte Rouſſeau keine Ruhe finden. Er wurde aber mals vertrieben und zog ſich deshalb auf die Petersinſel im Bieler See zurück.

1766 folgte er einer Einladung des Philoſophen und Geſchichtsſchreibers David Hume nach England, bei dem er einige Monate lang einen angenehmen Aufenthalt auf dem Lande genoß. Er überwarf ſich aber bald mit ihm und ging deshalb zurück nach Paris. Er verfeindete ſich immermehr mit ſeiner Um⸗ gebung und ſchrieb, um ſich der Welt gegenüber zu entſchuldigen, eine Selbſt⸗ rechtfertigung. Das Manuſcript davon verſuchte er auf den Altar von Notre Dame niederzulegen, damit es an Ludwig XVI. gelangen möchte. Er fügte dieſer Schrift noch die Worte hinzu:Depoſitum, der Vorſehung anvertraut. Be⸗ ſchützer der Unterdrückten, Gott der Gerechtigkeit und der Wahrheit, empfange dieſes Depoſitum, welches ein unglücklicher Fremdling auf deinen Altar nieder⸗ legt und deiner Vorſehung anvertraut. Da er wegen eines Gitters nicht an den Altar gelangen konnte, ſo glaubte er in der erſten Anwandlung von Zorn, der Himmel ſelbſt ſei mit dem Werke der Ungerechtigkeit der Menſchen einver⸗ ſtanden. Was für eine unwürdige Vorſtellung von der Gottheit, die er, wie er es in ſeinem Glaubensbekenntniſſe ausſpricht, beſſer zu kennen glaubt, als alle Offenbarungen ſie den Menſchen bis jetzt verkündigt haben.

Rouſſeau ſtarb im Jahre 1778 in ſeinem 66ſten Lebensjahre, wie man meint, durch Selbſtvergiftung. Wenn ſich die Wahrheit dieſer Anſicht beweiſen ließe, ſo muß man zugeſtehen, daß ſein Tod noch ſchlimmer war, als ſein Leben. Er wurde in Ermonville begraben, wo man auf ſeinem Grabſteine die Inſchrift: Ici repose l'homme de la nature et de la vérité und ſeinen Wahlſpruch: Vitam impendere vero noch jetzt lieſt. Später, zur Zeit der Revolution, wurden ſeine Gebeine nach Paris geſchafft und neben denjenigen Voltaires im Pantheon beigeſetzt, in deſſen öden Gewölben ſie noch heute ruhen. Die Ueberreſte dieſer beiden großen Männer, vor denen man aber mehr Grauen als Erfurcht empfindet, liegen merkwürdiger Weiſe hier faſt ganz allein.

*) Beſonders mit den Worten: Der rechte Ring Vermuthlich ging verloren (Nathan der Weiſe 3. Act, 7. Auftr.)