Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

facher Schreiner in die Welt hinaus, um ſich durch ſeiner Hände Arbeit ſein Brod zu erwerben. 1754 trat Rouſſeau in Genf zur reformierten Confeſſion zurück, weil er, wie er ſagt⸗ in allen Cantonen der Schweiz gefeiert und gelieb⸗ koſt, ſich plötzlich ſtolz fühlte, ein Schweizer zu ſein und ſich nun ſchämte, wegen der Bekennung zu einer andern Confeſſion, von ſeinen bürgerlichen Rechten aus⸗ geſchloſſen zu ſein. Ein Geiſtlicher unterrichtete ihn im evangeliſchen Glauben. Vor ſechs Geiſtlichen ſollte er dann ſein Glaubensbekenntniß ablegen, brachte aber nurja undnein hervor, ſo daß jene ſtatt ſeiner ſprechen mußten*).

1756 bezog er L'Hermitage, einen kleinen, einer befreundeten Familie ge⸗ hörenden Landſitz, unweit Paris. Hier war es, wo er, durch eine Dame veran⸗ laßt, auf ein Syſtem der Erziehung ſann...

1757 ſiedelte er nach Montmorency, wo er zu gleicher Zeit an der neuen Heloiſe, am Emil und am Contrat Social ſchrieb, über.

1759 bewohnte er das Schloß des Marſchalls Luxemburg in Montmorency, wo die Arbeit an ſeinem Emil, den er im Jahre 1760 der Marſchallin vorlas, zu Ende gedieh. Buchhändler Duchesne in Paris bezahlte für das Manuſcript 6000 Franken. Rouſſeau hoffte auf eine überaus günſtige Aufnahme dieſes ſeines Lieblingswerkes, welches er ſelbſt für ſein beſtes und würdigſtes hielt, und welches den Beifall einer ſo hochgeſtellten Dame, der Marſchallin, und ihres Kreiſes von Bekannten, erntete. Aber er täuſchte ſich. Das größere Publicum blieb kühl bei der Veröffentlichung. Die Sachverſtändigen lobten das Werk un⸗ gemein; aber das günſtige Urtheil derſelben war dem eitlen Manne, der immer nach allgemeiner Bewunderung geizte, nicht genug und er beklagte ſich bitter über die Theilnahmloſigkeit der groͤßeren Menge. Das Maaß der Kränkungen war jedoch noch nicht voll für ihn. Rouſſeau wurde, wegen ſeines Emils, vom Hofe und Parlamente verfolgt, ſo daß er ſogar die Flucht ergreifen mußte. Er floh nach Nverdon in der Schweiz, was ſpäter als Wirkungskreis Peſtalozzi's ſo berühmt wurde. Es muß uns Wunder nehmen, daß ein pädagogiſches Werk ſeinem Verfaſſer ſolche Verfolgungen bereitete. Der hauptſächlichſte Grund der ſelben war das in dem Buche enthaltene Glaubensbekenntniß des Savoyiſchen Vicars, deſſen ich hier, da ich in meiner Beſprechung des Emil nicht wieder auf daſſelbe zurückkommen werde, mit einigen kurzen. Worten gedenken will.

Der Vicar, d. i. Rouſſeau ſelbſt, hat ſchon bei allen Religionsſyſtemen nach dem wahren, vernunftgemäßen Glauben geſucht, aber ihn noch nirgends ge⸗ funden. Nun beſchließt er, ſein eigenes, inneres Licht um Rath zu fragen. Daſſelbe ſagt ihm: Es giebt einen Willen, der das Univerſum bewegt und die Natur belebt. Die nach beſtimmten Geſetzen bewegte Materie lehrt:Es giebt eine Intelligenz. Dieſe Intelligenz, welche das durch ſich ſelbſt thätige Univerſum bewegt, und Alles ordnet iſt Gott. Zu der Macht und dem Willen Gottes fügt Rouſſeau als nothwendige Folge die Güte. Er fährt dann fort, die Grund⸗ ſätze der natürlichen Religion zu entwickeln und ſchließt mit dem Satze, daß dieſe Religion einem Jeden inne wohne, und daß die einzelnen offenbarten Religionen nur etwas ſeien, was Jeder eben wähle, um einer Gemeinſchaft äußer⸗ lich anzugehören. Man könne alſo auch keinem Menſchen eine ſolche conventionelle Religion durch Erziehung aufzwingen, ſondern man müſſe warten, bis er er⸗ wachſen ſei und ſich nach ſeiner eigenen Ueberlegung für irgend eine entſcheide.

*) Confessions 199. 200.