Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
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Die Aſtronomie*) habe den Aberglauben, die Beredtſamkeit den Ehrgeiz um Urſprunge. Dann verbreitet ſich Rouſſeau über die Wirkungen der Wiſſen⸗ ſcaften, wegen welcher die letzteren ebenfalls anzuklagen wären;denn dieſelben beſtünden nur in Müſſiggang, eitler Declamation u. ſ. w. Gegen dieſe ſo ein⸗ ſeitigen und unrichtigen Beſchuldigungen der Wiſſenſchaften ſollen hier nur einige von den Bemerkungen Leſſing's, die er, wie ſchon erwähnt, über die Dijon ſche Preisſchrift macht, als Widerlegung folgen:

Verfall der Sitten und Staaten begleiten einander, ohne die Urſachen und Wirkungen von einander zu ſein. Chriſtliche Tugend ſteht nimmermehr mit gottgefälliger Kunſt und Wiſſenſchaft im Widerſpruche. Wollte man übrigens Alles verwerfen, was je von Menſchen gemißbraucht worden, ſo würde man alle Gaben Gottes verwerflich finden; man müßte wo möglich Sonne, Mond und Sterne zerſtören, weil die himmliſchen Körper zu Zeiten angebetet worden ſind.

Dieſe Abhandlung Rouſſeau's ſteht in genauer Beziehung zu ſeinem Emil, in welchem er von den Wiſſenſchaften auch nur als von Etwas, das Verderben bringt, redet. Wir wollen zugeben, daß die Wiſſenſchaft manchen Menſchen verdirbt. Sie mag für einigedie Himmelsfackel ſein, die nicht ſtrahlt, ſondern, die nur zündet; aber trotzdem ſollen die Kinder in intellectueller und ethiſcher Hinſicht auf gleiche Weiſe erzogen werden. Wenn auch dieſe beiden Elemente oft mit einander ſtreiten, ſoll doch deshalb das eine, die Wiſſenſchaft, nicht bei der Erziehung ausgeſchloſſen werden. Das Wort des engliſchen Dichters:

When iguorauce is bliss,

'T is folly to be wise, welches ganz im Sinne Rouſſeau's iſt, iſt mehr geiſtreich, als wahr. Soll ſich der Menſch das Feuer, den Dampf und die übrigen Naturkräfte etwa nicht dienſtbar machen, bloß, weil ſie ihm zu Zeiten ſchaden können? Nein, gerade darin liegt die Größe des Menſchengeiſtes, und dazu ſoll der Menſch erzogen werden, daß die Fackel der Wiſſenſchaft der keuſchen Gluth des Herzens keinen Eintrag thut. Wird der Menſch bloß zur Wiſſenſchaft erzogen, dann können die verderblichen Folgen eintreten, die Rouſſeau im Auge hat. Aber der Menſch ſoll zur Weisheit, die Wiſſen und Tugend zum ſchönſten Bunde vereinigt, heran gebildet werden. Bei Rouſſeau, mit ſeinem von Leidenſchaften zerriſſenem Ge⸗ müthe und bei ſeinen Genoſſen, einem Diderot, Grimm und Voltaire, konnte freilich kein ſo edles Schweſterpaar, wie Wiſſenſchaft und Tugend, ſeinen Wohnort aufſchlagen.

Als Nouffean im Jahre 1752 von einer Krankheit, von der der Arzt glaubte, daß ſie ihn i nerhalb ſechs Monaten in das Grab bringen würde, ge⸗ neſen war, nahm er ſich vor, in freiwilliger Armuth zu leben. Er legte ſeine ſeidenen. Strümpfe und ſeinen Degen ab und verkaufte ſeine Uhr. Auf dieſe Weiſe glaubte er ſich mehr dem Naturzuſtande zu nähern. Ein Dieb, der ihm ſeine Wäſche ſtahl, erleichterte ihm ſein Bemühen, ſich zu vereinfachen. Was Rouſſeau hier praktiſch auszuführen gedachte, läßt er in ſeiner Erziehungs⸗ lehre ſeinen Emil thun. Derſelbe giebt auch ſeinen Wohlſtand auf, entäußert ſich ſeiner vornehmen Kleidung, zieht die eines Arbeiters an und geht als ein⸗

*) Warum nicht ebenſo gut die Intereſſen des Ackerbaues, was wir deutlich aus der Ge⸗ ſchichte der Babylonier und Egypter ſehen können. Bei dieſen Völkern wurde die Kunſt, die Zeit des Austrittes des Euphrats und Nils nach der Wiederkehr der Stellung gewiſſer Geſtirne zu be⸗ ſtimmen, bald zur Nothwendigkeit.