Aufsatz 
Über Rousseau's Emil
Entstehung
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Ein Jahr lang war dann Rouſſeau Erzieher im Hauſe eines Herrn v. Mably in Lyon. Wie es aber oft im Leben vorkommt, daß die Menſchen, die in der Theorie groß ſind, im Praktiſchen gar nichts leiſten, ſo war es auch bei ihm. Er, der ſo viel über Erziehung zu ſchreiben wußte, konnte eine ſolche in Wirklichkeit nicht leiten. Er ſagt über u Thätigkeit als Erzieher:Mein ſanftes Naturell würde mich für dieſen Beruf geſchickt gemacht haben, wäre nicht mein Aufbrauſen, das mich oft beim Unterrichten meiner Zöglinge übermannte, geweſen. So lange Alles gut ging und ich ſah, daß meine Sorge und Mühe, woran ich es nicht fehlen ließ, Frucht brachte, ſo lange war ich ein Engel. Aber ich war ein Teufel, wenn es ſchlecht ging. Er verließ ſeine Schüler, überzeugt, daß er die ihm geſtellte Aufgabe nicht löſen könne.

Auch jetzt öffnete ihm wieder Madame v. Warens, an der er mit großer Verehrung hing, und der er in ſeinenConfeſſions oft den ſchmeichelnden Namen Mutter giebt, ihr Haus. Er blieb aber nur kurze Zeit bei ihr; denn er brannte vor Begierde mit einem von ihm erfundenen Syſtem zur Bezifferung der Noten, von dem er ſich einen ungemeinen Erfolg verſprach, in Paris ſein Glück zu machen. Er wurde aber in ſeinen Erwartungen bedeutend getäuſcht; denn er fiel glänzend damit durch. Es kommt oft vor, daß Dichter die Schwäche haben zu glauben, daß ſie große Entdeckungen in Gegenſtänden gemacht haben, von denen ſie nur ſehr wenig derſtehen Rouſſeau hatte in Bezug auf Muſik dieſelbe Eigenheit, wie Goͤthe in Bezug auf die Farbenlehre.

Sein Aufenthalt in Paris wurde dadurch unterbrochen, daß er 18 Monate lang Sekretär beim Grafen Montaigu, franzöſiſchem Geſandten in Venedig war, wo er manches galante Abenteuer erlebte, was er mit Lüſternheit und Selbſt⸗ gefälligkeit in ſeinenConfeſſions erzählt. Nach Paris zurückgekehrt, lernte er Thereße Le Vaſſeur, ein Mädchen aus niederem Stande, die faſt gar keine Bildung beſaß, kennen. Aus dem Zuſammenleben mit derſelben entſproſſen fünf Kinder, die er ſämmtlich und zwar, mit Ausnahme des erſten, ohne Erkennungszeichen, in das Findelhaus ſchickte. Man begreift kaum die Niederträchtigkeit und Ge⸗ meinheit eines Mannes, der ſo herrliche Gedanken über Erziehung niederſchreiben, der mit ſo viel Ernſt von den Pflichten des Erzeugers gegen ſeine Erzeugten reden kann, und der dennoch ſo viel Hartherzigkeit beſitzt, ſeine Kinder einem ſo elenden Schickſale preiszugeben, eine Handlung, deren Möglichkeit man ſelbſt bei einem aller hoͤheren und edleren Gefühle entbehrenden Menſchen nur ſchwer be⸗ greifen kann. Das war nicht die wahre Bildung, die Rouſſeau beſaß. Ob⸗ gleich er mit Engelzungen redete, war er doch nur ein tönendes Erz, eine klingende Schelle. Er hatte der Liebe nicht.

Im Jahre 1749 löſte er eine von der Akademie von Dijon geſtellte Preis⸗ frage:Haben die Fortſchritte der Wiſſenſchaften und Künſte zur Reinigung der Sitten beigetragen? wofür ihm der Preis zuerkannt wurde. Dieſe Abhand⸗ lung kam auch Leſſing zu Geſicht, welcher, nachdem er einen kurzen Auszug von derſelben gemacht hatte, noch einige ſehr treffende Bemerkungen hinzufügte m. Die Abhandlung zerfällt in zwei Theile. Der erſte ſucht vorzugsweiſe das Mi verhältniß zundei ethiſcher und intellectueller Bildung nachzuweiſen. Im zweiten wird von den Quellen der Wiſſenſchaften, welche ſehr unlauter ſeien, geſprochen.

*) Neuſtes aus dem Reiche des Witzes. Beilage der Berliner Voſſiſchen Zeitung. 4*