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rühmten und berüchtigten Werke„Confeſſions“ mit aller oft bis in Ekelhafte gehenden Freimuͤthigkeit erzählt. Als er das Haus des Pfarrers verließ, kam er zu einem Kupferſtecher in die Lehre, wo er ſein früheres Treiben ganz in derſelben Weiſe fortſetzte. Dieſem entlief er nach einiger Zeit, kam dann zu einem katholiſchen Pfarrer, der ihn an eine in Annecy, der am See von Thioux gelegenen Hauptſtadt des Departement Haute⸗Savoie, wohnende Frau v. Warens empfahl, die ihn weiter nach Turin beförderte, wo er im Jahre 1728 den refor⸗ mierten Glauben abſchwor und zur katholiſchen Kirche übertrat.*) Ueber dieſen Uebertritt**) ſpricht er ſich im Emil bei der Gelegenheit, wo er die Aufnahme, die er bei dem Vicar in Savoyen fand, beſchreibt, folgender Maaßen aus:
„In einer italieniſchen Stadt ſah ſich ein junger Verbannter in das äußerſte Elend verſetzt. Er war als Calviniſt geboren; aber, da er in Folge eines ſchlimmen Streiches hatte flüchtig werden müſſen und nun in einem frem— den Lande ohne alle Häfeanelen war, wechſelte er, um Brod zu bekommen, ſeine Religion. Er ſah in dieſer Stadt ein Zufluchtshaus für Neubekehrte, in welches er aufgenommen wurde. Indem man ihn in der Polemik unterrichtete, regte man Zweifel in ihm an, die er von Natur aus nicht beſaß. Man lehrte ihm das Böſe, was er vorher nicht kannte. Er hörte neue Glaubenslehren und ſah Sitten, die ihm neu waren, und deren Opfer er beinahe geworden wäre. Er wollte entfliehen, da ſchloß man ihn ein; er beklagte ſich, aber man beſtrafte ihn für ſeine Klagen. In der Gewalt ſeiner Tyrannen, ſah er ſich als Verbrecher behandelt, weil er dem Verbrechen nicht nachgeben wollte. Diejenigen, welche wiſſen, wie ſehr die erſte Probe von Gewalt und Ungerechtigkeit ein junges Ge⸗ müth in Wallung bringt, werden ſich den Zuſtand, in dem er ſich befand, vor⸗ ſtellen können. Thränen der Wuth ſtrömten aus ſeinen Augen. Der Unwille brachte ihn dem Erſticken nahe. Er flehte den Himmel und die Menſchen um Erlöſung an. Er vertraute ſich Jedermann an; aber er wurde von Niemand erhört. Er ſah nur gemeine, demjenigen, der ſie beſchimpfte unterworfene Diener oder Mitſchuldige des Verbrechens, die über ſeinen Widerſtand ſpotteten und ihn aufmunterten, es ſo zu machen wie ſie. Er würde verloren geweſen ſein, ohne einen rechtſchaffenen Geiſtlichen, welcher zufälliger Weiſe in irgend einer Angelegenheit in das Zufluchtshaus kam, und welchen er im Geheimen um Rath zu fragen die Mittel fand. Der Geiſtliche war arm und brauchte die Unter— ſtützung der Leute; aber der Unterdrückte bedurfte der ſeinigen noch mehr. Der Geiſtliche zögerte deshalb nicht, ihm zu ſeinem Entkommen behülflich zu ſein, auf die Gefahr hin, ſich unverſöhnliche Feinde zu machen.“
Im Jahre 1732 kehrte Rouſſeau zur Frau v. Warens zurück, welche inzwiſchen ihren Wohnort verändert hatte und nun in Chambery wohnte. Bei derſelben blieb er bis zum Jahre 1741 und beſchäftigte ſich während dieſer Zeit mit der Anfertigung eines Cataſters und mit Zeichnen und Muſik. Zu gleicher Zeit ſtudierte er aber auch die Philoſophen Locke, Leibnitz, Descartes und Male⸗ branche mit großem Eifer. Hiernach wandte er ſich zum Studium der Mathe⸗ matik. Er trieb vielerlei. Sein unruhiger Geiſt ließ ihn nie lange bei einem und demſelben Gegenſtande verweilen. Er ſagt ſelbſt von ſich, daß er nie im Stande geweſen ſei, ſich auf längere Dauer einer Beſchäftigung hinzugeben.
*) Confessions XIX. 95. **) Emile II.(Paris 1817) p. 205 u. f.


