7. Beilage. Aeber Rouſſeaus Fmil.
Von. Reallehrer Rarl Schmidt.
Wohl hat noch kein Werk eines Schriftſtellers ein ſo wechſelvolles Schick⸗ ſal gehabt, als dieſes vornehmſte Erzeugniß des Rouſſeau'ſchen Genius: am 9. Juni 1762 in Paris und am 18. deſſelben Monats in Genf öffentlich von Henkershand verbrannt, erlebte es in den Jahren 1817 bis 1824 dreizehn ver⸗ ſchiedene Auflagen, wurde in mehr als 480000 Exemplaren verbreitet und wird noch jetzt vielfach aufgelegt, überſetzt und commentirt. Die Verwunderung, die uns bei der Betrachtung einer ſo auffallenden Erſcheinung ergreift, wird geringer, wenn wir den Inhalt des Werkes näher betrachten. Neben den erhabenſten Ge⸗ danken finden wir nämlich die verſchrobenſten Anſichten, ja die ſchädlichſten Irr⸗ lehren in demſelben, ſodaß es unter dem Weizen, den es enthält, nicht nur Spreu, ſondern auch Mutterkorn und viele andere giftige Samen in ſich ſchließt. Um dieſe Eigenthümlichkeit des Emil verſtehen zu können, muß man Rouſſeau nach ſeinem Leben, ſeinem Charakter und ſeinen übrigen Werken kennen. Wir wollen es daher verſuchen, ihn nach dieſen drei Seiten hin in einigen kurz ſkizzirten Zügen zu beleuchten.
Rouſſeau wurde im Jahre 1712 in Genf geboren. Er war ein Schmerzenskind; denn ſeine Geburt koſtete ſeiner Mutter das Leben. Sein Vater, jenes in Genf ſo blühende Handwerk, das Uhrmachergewerbe betreibend, war ein träumeriſcher Menſch, der von Erziehung gar nichts verſtand und den Knaben ganz ſich ſelbſt überließ. Die Mutter hatte eine kleine Bibliothek von Romanen hinterlaſſen, die der Vater und der damals erſt ſiebenjährige Knabe oft bis tief in die Nacht hinein mit einander laſen..
Im Jahre 1719 waren die Romane fertig geleſen; der Hang zum Leſen ſetzte ſich aber bei Rouſſeau fort, nur wurde derſelbe in eine etwas beſſere Bahn gelenkt, weil nun die von dem Großvater mütterlicher Seits hinterlaſſene Bibliothek, welche anſtatt ſchlüpfriger Romane, die Werke Boſſuet's, La Bruyere's, Ovid's und Plutarch's enthielt, an die Reihe kam. Wegen eines Streites mußte Rouſſeau's Vater Genf verlaſſen und der Knabe wurde zu einem Landpfarrer in die Erziehung gethan. Dieſer ließ ihn voll⸗ kommen frei gewähren, welche Freiheit derſelbe wohl zu benutzen wußte und allerlei Bubenſtreiche ausführte, die uns der Mann Rouſſeau in ſeinem be⸗
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